Wir kannten uns nicht. Kein gemeinsamer Bekannter, kein Vorgespräch, nichts.
Ich habe sie auf der Buchmesse am Bodensee gesehen. Da stand jemand mit einem Mikrofon in einer kleinen Badewanne und drehte Videos. Ich dachte nur: wie kreativ. Und dann war da diese Ausstrahlung, die ich schwer beschreiben kann. Für mich war sie in dem Moment der Sonnenschein in dieser Halle.
Ich habe sie gesucht, weil ich ihr einen Zettel geben wollte. Auf dem Zettel stand:
Manchmal ist Durchhalten die leiseste Form von Mut.
Der Zettel
Sie hat ihn behalten. Sie hat ihn ihren Freundinnen gezeigt. Und sie sagt, er habe genau gepasst, an genau dem Tag.
Die Badewanne ist kein Gag
Michèle ist unter dem Namen Swissmom Reads unterwegs und spricht auf Instagram und TikTok über Bücher. Die Badewanne halten die meisten für eine lustige Mikrofonhalterung. Sie ist etwas anderes.
Als sie angefangen hat, hat sie ihre Videos tatsächlich in der Badewanne gedreht. Aus einem einfachen Grund: weil es niemand machte.
Irgendwann kam das große Regal, weil immer mehr Bücher kamen. Die kleine Badewanne blieb. Heute ist sie ihr Erkennungszeichen, und das ist mehr wert, als es aussieht. Auf der nächsten Messe steht der nächste Mensch mit Büchern. Aber die Badewanne war bei mir verankert, auch ohne dass wir je gesprochen hatten.
Wer bist du, wenn niemand zuschaut
Diese Frage stelle ich in fast jeder Folge. Bei Michèle hat sie länger gebraucht als sonst.
Das ist wirklich eine tiefe Frage, weil das etwas ist, was ich mich immer noch frage.
Michèle
Sie erzählt von einer schwierigen Kindheit. Nicht von Dramen, sondern von etwas Stillerem: Sie hatte damals nicht die Möglichkeit, sich selbst kennenzulernen.
Ich war das Kind, das in den Raum kommt und versucht hat, den Raum zu lesen. Und anhand von diesen Schwingungen habe ich mich angepasst.
Michèle
Erst Mitte zwanzig, Anfang dreißig ist ihr aufgefallen, dass sie sich selbst gar nicht so genau kennt. Was sie sein will, weiß sie: ein positiver Mensch, jemand, der Gelegenheiten nutzt, für ihre Familie da ist und die eigenen Wünsche nicht immer hinten anstellt. Auf dem Weg dahin ist sie noch.
Ich habe sie gefragt, was in ihrem Museum stehen würde, wenn ihr Leben eines wäre. Ihre Antwort war eine der schönsten, die ich bekommen habe: Artefakte. Dinge, die man verbuddelt hat und wieder ausgräbt, die einen Sprung haben und trotzdem ausgestellt werden.
Ich habe viele Dinge eingebuddelt. Das bin ich jetzt am Aufarbeiten.
Michèle
Aussprechen, was einen bewegt
Sie nennt sich ein offenes Buch. Früher war das anders, und leicht ist es bis heute nicht. Vor manchen Sätzen fragt sie ihre besten Freundinnen, ob sie das jetzt wirklich sagen darf.
Das macht mega Angst. Es ist wie eine neue Sprache, die man lernen muss, oder eine neue Sportübung.
Michèle
Ihr Rat für alle, die das kennen, ist einfach und gleichzeitig schwer: Sprecht aus, was euch bewegt. Niemand kann Gedanken lesen. Niemand weiß, welchen Rucksack ein anderer trägt, auch wenn dieser Mensch nach Sonnenschein aussieht.
Was Reichtum für sie bedeutet
Wenn ich mich wohlfühle und mich zu Hause fühle, wo ich sein darf, wer ich bin.
Michèle
Geld hilft, sagt sie, aber darum geht es ihr nicht. Sie bringt dann einen Vergleich, der hängen bleibt: Wenn du einen Ferrari kaputt fährst, sind ein paar Hunderttausend weg. Wenn du etwas Emotionales verlierst, geht sehr viel mehr kaputt.
Ein Auto kann man sich kaufen. Menschen, die einen lieben, nicht.
Das größte Geschenk, das sie sich selbst gemacht hat
Sie hat wieder angefangen zu schreiben.
Früher wurde sie dafür belächelt, also hat sie es auf Eis gelegt. Mit Anfang zwanzig hat sie es wieder aufgenommen und wollte es sofort wieder löschen, weil es ihr peinlich war. Sie hat die Geschichte trotzdem zu Ende geschrieben. Eine Fantasy-Geschichte, in der viel von ihrem eigenen Leben steckt.
Da habe ich mich wie selbst ein bisschen geheilt und reflektiert.
Michèle
Gerade schreibt sie an der nächsten. Die will sie veröffentlichen. Findet sich kein Verlag, macht sie es selbst. Ihre Worte dazu: Die muss raus.
Und dazu passt der Satz, mit dem sie beschreibt, worum es in diesem Podcast für sie geht:
Worte können so tiefgreifend sein, dass es dich heilen kann.
Michèle
Als die Reichweite kam und sie sie nicht mehr wollte
Sie hat eine Zeit lang Reaction-Videos gemacht, zu den Themen, über die gerade alle streiten. Die Zahlen waren gut, zehntausend Aufrufe, viel Interaktion.
Nur wer da kommentierte, kam nicht wegen ihr. Und sie hat gemerkt, dass sie Hass und Neid auch dann weiterträgt, wenn sie dagegen spricht.
Sie hat aufgehört. Viele Follower sind gegangen. Für sie war das in Ordnung.
Was sie sich stattdessen wünscht, hat sie klar gesagt: weniger Neid, mehr Unterstützung. Und dass es egal ist, wer oder was jemand ist, solange der Mensch zählt.
Das würde, glaube ich, ganz viel heilen auf dieser Welt.
Michèle
Das Gegenteil von Liebe
Diese Frage hatte ich nachts im Kopf: Wenn das Gegenteil von Liebe nicht Hass ist, was ist es dann?
Ihre Antwort kam nach einer langen Pause.
Einsamkeit.
Michèle
Und dann hat sie das Wort noch einmal umgedreht. Allein sein ist nicht nur negativ. Manchmal braucht man genau das, und sei es eine Stunde, um die eigene Stimme wieder zu hören. Als Mutter von drei Kindern weiß sie, was eine halbe Stunde unter der Dusche wert sein kann.
Der Satz, der alles trägt
Auf die Frage nach dem wertvollsten Satz, den sie je gehört hat, kam kein Zitat, sondern eine Erkenntnis.
Ich muss nicht jemand anderes sein, damit ich geliebt werde. Ich muss mich nicht anpassen, damit ich geliebt werde, sondern ich muss ich selbst sein. Und die, die mich lieben, die bleiben, auch wenn ich ich selbst bin.
Michèle
Für das Kind, das früher jeden Raum gelesen hat, ist das kein Spruch. Das ist ein ganzer Weg.
Am Ende habe ich sie noch nach dem Sinn des Lebens gefragt. Sie glaubt nicht, dass wir nur einmal hier sind. Für sie geht es darum, das zu lösen, was wir mitbringen, damit wir weitergehen können.
Wenn ihr Buch erscheint, gibt es eine zweite Folge. Das haben wir so abgemacht.
Über den Gast
Michèle ist als Swissmom Reads auf Instagram und TikTok unterwegs und spricht dort über Bücher, vor allem aus dem Bereich Romance und Fantasy. Sie ist Dozentin, Mutter von drei Kindern und lebt in der Schweiz. Gerade schreibt sie an einem eigenen Roman.
Instagram: @swissmomreads
TikTok: @swissmomreads
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