Katharina Thibus kommt aus Lichtenstein und arbeitet im Verkauf. Nebenher baut sie sich etwas Eigenes auf: Mentaltraining, Pilates, Yoga, Klangschalenmeditation. Nicht, weil es gerade gut läuft damit, sondern weil ihr genau das in einer schweren Zeit geholfen hat.
Seit zehn Jahren trinkt sie keinen Alkohol mehr. Seit fünf raucht sie nicht mehr. Dazwischen liegt eine Geschichte, die viel früher anfängt als der erste Schluck.
Was „tiefer als Worte“ für sie bedeutet
Dass wir viel zu oft im Verstand sind und viel zu wenig im Gefühl. Das Herz weiß nach ihrer Erfahrung oft mehr, und der Körper spürt mehr, als der Verstand sieht oder versteht.
Die Leere, die niemand füllen konnte
Katharina ist bei ihren Großeltern aufgewachsen. Ihre Mutter war nicht da, ihr Vater auch nicht. Die Großeltern haben es gut gemeint und versucht, das zu ersetzen. Sie sagt, bis zu einem gewissen Punkt geht das, und dann geht es nicht mehr.
Als Kind fragt man sich ja auch: Warum? Was stimmt mit mir nicht? Warum hat er mich nicht lieb? Bin ich nicht gut genug?
Katharina Thibus
Was blieb, war ein Loch. Als Mädchen waren es Süßigkeiten, später kam der Alkohol, dann das Kiffen, dann Partydrogen. Und Menschen: falsche Freunde, schlechte Beziehungen. Alles Versuche, dieselbe Stelle zu füllen.
So viel kann man nicht trinken, so viel kann man nicht essen und so viel kann man auch nicht kiffen, um diese Leere zu füllen.
Katharina Thibus
Das Gefühl dahinter ist nicht verschwunden. Bin ich gut genug, reiche ich aus. Sie sagt, das zieht sich bis heute, nur nicht mehr so stark und nicht mehr so oft. Weg sei es nicht.
Warum der Umgang nie normal war
Der erste Alkohol kam mit etwa fünfzehn. In der Therapie hat sie verstanden, dass schon damals nichts daran normal war. Sie konnte nie ein Glas trinken und aufhören, wenn es schwummrig wurde.
Stattdessen musste sie beweisen, dass sie mehr verträgt als die anderen. Wo ihre Grenze lag, hat sie nie gewusst.
Die Freundin, die es unverblümt gesagt hat
Angesprochen hat sie damals eine Freundin. Direkt ins Gesicht, ohne Drumherum. Katharina sagt, genau so hat sie es gebraucht, und sie ist bis heute dankbar dafür. Ohne dieses Gespräch hätte sie vermutlich noch eine Weile so weitergemacht.
Sie weiß aber auch, wie schwer so ein Satz ist. Wer angesprochen wird, reagiert oft aggressiv oder fühlt sich angegriffen. Sie hat das selbst mehrfach erlebt, auch im Kollegenkreis.
Die Entscheidung
2016 hat sie zuerst einen Entzug gemacht und danach ein halbes Jahr Therapie, Alkohol und Cannabis zusammen.
Den Anstoß gab die Freundin mit der Frage, wie lange sie eigentlich noch warten wolle. Die Entscheidung selbst kam von ihr. Dahinter stand die Angst, denselben Weg zu gehen wie ihre Mutter, die an ihrer Sucht gestorben ist.
„Du musst es für dich tun“
Das ist der Satz aus der Therapie, den sie heute den wertvollsten ihres Lebens nennt. Damals konnte sie wenig damit anfangen, über die Jahre hat sie ihn verstanden.
Du musst es für dich tun.
Der Satz, der für Katharina alles verändert hat
Es bringe nichts, es für einen Partner zu tun, sagt sie, denn der ist vielleicht irgendwann weg, und dann fällt man zurück in dasselbe Loch. Sie hatte damals keinen einzigen Grund gefunden, für sich selbst aufzuhören, weil Selbstwert und Selbstliebe zu tief vergraben waren.
Denselben Punkt macht sie bei allen, die sagen, sie tun alles für ihre Familie.
Wenn du es nicht tun würdest, wenn deine Familie nicht da wäre, dann ist es nicht deine Leidenschaft. Aber wo bleibst denn du dabei?
Katharina Thibus
Wer nur gibt und nichts für sich nimmt, sagt sie, bleibt irgendwann selbst auf der Strecke. Was sie meint, ist kein Egoismus, sondern eine gesunde Selbstliebe. Sie braucht bis heute regelmäßig einen Tag für sich, um wieder in ihre Kraft zu kommen.
Wer sie ist, wenn niemand zuschaut
Nicht immer der Strahlemann, den sie nach außen gibt. Im Verkauf werde man darauf gedrillt, immer freundlich zu sein und zu lächeln, und privat ist sie tatsächlich ein positiver Mensch. Aber es gibt Momente, in denen sie down ist.
Weinen fällt ihr schwer, das kommt bei ihr kaum heraus, weil sie es nicht zulässt. Genau daran arbeitet sie: sich zu erlauben, traurig zu sein, auch ohne den Grund zu kennen.
Unterdrückte Gefühle müssen ja dann irgendwie mit irgendetwas unten gehalten werden. Und das möchte ich nicht, dass ich dafür wieder irgendwas brauche.
Katharina Thibus
Wie sie heute auf Alkohol schaut
Sie verteufelt nichts. Wer gern ein Glas Wein trinkt und damit kein Problem hat, dem gönnt sie es von Herzen. Auf Festivals fährt sie gern, während die anderen feiern.
Wenn jemand allerdings eine ganze Flasche trinkt, denkt sie sich ihren Teil, ohne es sofort anzusprechen. Und sie würde den Kontakt reduzieren. Nicht aus Ablehnung, sondern weil sie sich schützen und abgrenzen muss.
Was sie sich selbst geschenkt hat
Auf die Frage nach dem größten Geschenk an sich selbst braucht sie nicht lange.
Dass ich beschlossen habe: Ich höre auf zu trinken, ich höre auf zu rauchen, ich ändere mein Leben komplett. Das ist, als wäre ich noch einmal neu auf die Welt gekommen.
Katharina Thibus
Die drei wertvollsten Dinge
Dankbarkeit. Gesundheit. Und ein Mensch, der ihr am nächsten steht. Nichts davon kann man kaufen.
Ihr glücklichster Tag
Kein großer Entwurf. Beruflich nur noch das machen, was sie gerade aufbaut, weg vom Verkaufsjob. Ein eigener schöner Raum, genug Kurse und Teilnehmer, um davon leben zu können. Keine goldene Nase, einfach irgendwo schön leben.
Was die Welt besser machen würde
Dass Menschen aufhören, andere von der eigenen Meinung überzeugen zu wollen. Dass jeder bleiben darf, wie er ist. Weniger Schubladen, mehr Toleranz, weniger Extreme, in die jedes Thema gezogen wird.
Nachrichten schaut sie kaum. Sie sagt, sie macht sich lieber selbst ein Bild von den Menschen, die ihr tatsächlich begegnen, und ihre Erfahrungen decken sich oft nicht mit dem, was erzählt wird.
Ich kann die Welt nicht ändern. Ich versuche, mich zu verändern, und dann ziehe ich vielleicht meinen engen Kreis mit ins Positive.
Katharina Thibus
Wie klein das gemeint ist, zeigt ihr Beispiel: Eine Kundin kommt herein, Katharina sagt ihr, dass sie eine tolle Brille hat, und die Frau strahlt. Es bricht ihr keine Zacke aus der Krone, und der Tag der anderen ist besser.
Interessant fand ich ihre Beobachtung am Arbeitsplatz: Die Zeitung, die dort ausliegt, ist sofort weg, wenn etwas richtig Schlimmes darin steht. Steht etwas Gutes drin, bleibt sie liegen.
Sie erklärt es sich damit, dass unser Fokus von Natur aus auf dem Negativen liegt, früher wegen der Gefahr. Genau das lasse sich aber umtrainieren. Wer sich zwanzig Jahre lang sagt, dazu bin ich zu blöd, glaubt es irgendwann. Und andersherum funktioniert es genauso.
Was Liebe für sie ist
Diese Frage kam vom Gast der letzten Folge.
Liebe ist, den anderen so sein zu lassen, wie er ist. Nicht: Ich liebe dich, wenn du dich so verhältst, wie ich es gerne hätte.
Katharina Thibus
Sie ist seit ein paar Monaten wieder in einer Beziehung und merkt, wie oft ihr das im Alltag begegnet. Ihr Partner sagt ihr dann, dass er nun einmal nicht so ist, wie sie es gerade gern hätte, und sie gibt ihm recht. Liebe sei an keine Bedingung geknüpft.
Dazu gehört für sie, nicht alles auf sich zu beziehen. Wenn jemand schlechte Laune hat, heißt das nichts über die Beziehung. Dass ihr das nicht immer gelingt, sagt sie offen.
Wenn du dich veränderst
Ein Punkt, der ihr wichtig ist: Wer anfängt, auch an sich zu denken, verliert unter Umständen Menschen.
Am Anfang tut es weh, aber dann ist es auch eine Befreiung. Enttäuschung ist ja auch das Ende jeder Täuschung.
Katharina Thibus
Eine vermeintlich sehr gute Freundin war weg, als Katharina anfing zu sagen, heute passt es mir gerade nicht, ich brauche Zeit für mich. Entscheidend ist für sie, dann nicht ins alte Muster zurückzufallen. Das schlechte Gewissen beim Spaziergang statt der Wäsche geht irgendwann von allein.
Eine Tafel Nougatschokolade
Wäre sie ein Produkt im Schaufenster, dann Schokolade. Nougat, mit ordentlich Milch, auf keinen Fall Zartbitter. Sie nennt sich einen Genussmenschen und beschreibt es als kleine Zeremonie am Abend: eine Schokolade, ein Keks, ein paar Chips.
Der Alkohol, sagt sie, war nie ein Genuss. Das hier ist einer.
Was sie ihrem jüngeren Ich fühlen lassen würde
Dass es gut so ist, wie es ist. Dass es sein darf, wie es ist, sich nicht verbiegen und nicht verstellen muss. Und dass es nichts tun muss, was es nicht will.
Und der Sinn des Lebens
Das Leben zu nehmen, wie es kommt.
Katharina Thibus
Man denke immer, es müsse alles glatt laufen wie im Film. So ist das Leben nicht. Es geht auf und ab, es kommen Herausforderungen, an denen man wachsen kann. Je mehr sie das annehmen kann, desto leichter fällt es ihr.
Ihre Botschaft zum Schluss
Nehmt euch, so wie ihr seid. Mit all euren Anteilen, gerade auch mit denen, die ihr nicht so gerne mögt.
Katharina Thibus
Und an alle, die gerade dort stehen, wo sie einmal stand: Hilfe zu suchen ist nichts, wofür man sich schämen muss. Gerade dann nicht, wenn man noch nicht dem Bild entspricht, das man von einem Abhängigen im Kopf hat.
Denkt nicht, so schlimm ist es bei mir nicht. Wenn ihr das Gefühl habt, es ist schlimm, dann sucht euch Hilfe.
Katharina Thibus
Wenn du selbst Hilfe suchst
Kostenfreie und anonyme Beratung zum Thema Alkohol und Sucht gibt es beim Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, telefonisch unter 0221 892031, montags bis donnerstags von 10 bis 22 Uhr und freitags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. Eine anonyme Online-Beratung findest du unter kenn-dein-limit.de.
Über den Gast
Katharina Thibus bietet Mentaltraining, Yogilates, Rückenfit, Achtsamkeitsspaziergänge und Klangschalenmeditation an.
Instagram: @thibusmentalpower
Website: mental stark fit und gesund
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Weitere Folgen
29. September 2026„Disziplin formt ein einfacheres Leben“ – Ecilio über Natur, Mut und den Weg zu sich selbst
22. September 2026„Ich muss nicht jemand anderes sein, damit ich geliebt werde“ – Michèle über Bücher, die Badewanne und den Weg zu sich selbst
8. September 2026„Ich glaube an mich“ – Julia über Körperarbeit, den inneren Richter und den Funken, der immer da ist