Ahmet Can ist 42, in Deutschland geboren und aufgewachsen, kommt aus Nordrhein-Westfalen und war vor dieser Aufnahme noch nie in einem Podcast. Ich bin über eines seiner Videos auf ihn gestoßen und habe ihn danach einfach angeschrieben. Kennengelernt haben wir uns erst in dieser Folge.
Er hat lange gebraucht, bis er sich entschieden hat, mit seiner Geschichte online zu gehen. Der Grund dafür ist einfach: Er ist überzeugt, dass es da draußen sehr viele Menschen gibt, denen Ähnliches passiert ist, und die damit allein bleiben.
Er wollte ihn zerstören und hat damit aufgehört
Eine Person, die ihm sehr nahe stand, hat ihn hintergangen. Kaum jemand wusste mehr über ihn. Sein erster Gedanke war Rache.
Er wollte dich zerstören und du zerstörst ihn zurück. Instinkt, Überlebenskampf, ist doch logisch.
Ahmet Can
Dann kam der zweite Gedanke, und dazwischen lag monatelang ein Kampf, den er selbst eine innere Fehde zwischen Verstand und Herz nennt. Beim Essen, beim Sport, beim Einschlafen, immer derselbe Gedanke.
Es hat mich zerstört, ehe ich ihn überhaupt zerstören konnte.
Ahmet Can
Der Satz, an dem er es dann sein gelassen hat:
Ich wollte mich rächen, er sollte Schaden kriegen. Aber jetzt steht es 2 zu 0, weil er mich kaputt macht und ich mache mich auch noch kaputt. Also eins ist zu viel.
Ahmet Can
Die leere Vase
Er hat lange darüber nachgedacht, was eigentlich mit Menschen passiert, die anderen Böses antun. Ob die wirklich glücklich sind. Seine Antwort ist kein Gegenschlag, sondern ein Bild:
Die größte Bestrafung ist meines Erachtens, dass Menschen innerlich entleeren. Du hast eine äußere Form, aber die Vase ist innen leer. Und egal was du da reintust, du kriegst diese Vase nicht gefüllt.
Ahmet Can
„Worte sind Schablonen für Gefühle“
Auf meine erste Frage, was „tiefer als Worte“ für ihn bedeutet, kam ein Satz, den ich mir sofort aufgeschrieben habe.
Seine Begründung: Es gibt zuerst ein Gefühl, und dann versucht der Verstand, es in eine gesellschaftlich passende Schablone zu pressen. Was er Liebe nennt, nennt jemand anders vielleicht Hass. Was für ihn Hingabe ist, ist für dich Irrsinn.
Besonders schön wird es, wenn er sich über den Versuch lustig macht, Gefühle zu vermessen: Wie viel Schmerz denn genau, 17,3 Liter? Meiner war 18,9, also habe ich mehr gelitten, also bin ich mehr wert. Gibt es nicht.
Wer er ist, wenn niemand zuschaut
Er beschreibt sich als melancholischen Menschen. Mit lachenden Gesichtern kann er wenig anfangen, mit traurigen umso mehr, weil sie dem entsprechen, was er erlebt hat.
Ich glaube, ich bin das Resultat von all den Erfahrungen, die ich gemacht habe, plus und minus.
Ahmet Can
Für ihn ist das die Definition von Charakter. Und daraus folgt für ihn auch, dass man ihn steuern kann: Auch wer fast nur negative Erfahrungen gemacht hat, entscheidet selbst, ob er in Wut und Groll weiterlebt oder anfängt, aus den geworfenen Steinen ein Haus zu bauen.
Die Blackbox
Auf die Frage, ob es etwas gibt, das er noch nie ausgesprochen hat, kam kein Geständnis, sondern ein Bild, das ich seitdem nicht mehr loswerde.
Du öffnest sie kurz, guckst hinein, kriegst Angst und machst sie zu.
Ahmet Can
Manchmal macht er einen ganz kleinen Schlitz auf, guckt hinein und macht wieder zu. Nicht aus Feigheit, sondern weil die Zeit für manche Facetten noch nicht gekommen ist.
Und daran hängt sein Blick auf Mobbing: Es gibt es, weil Menschen sich nicht trauen, ihre eigene Box zu öffnen. Sie zeigen lieber mit fünf Fingern auf andere und vergessen dabei die zehn, die auf sie selbst zeigen.
„Macht ist etwas einfach mal sein zu lassen“
Er kommt aus dem Vertrieb und liest Menschen schnell. Was ihn interessiert, ist nicht, wie viel er redet, sondern wie Menschen reagieren. Sein Vorschlag: Stell dich vor jemanden, sag nichts, schau freundlich. Und dann beobachte, was passiert.
Einfach mal nichts zu sagen ist weitaus mächtiger als permanent zu reden.
Ahmet Can
Deep Rest
Er hat auf Bühnen gestanden und Menschen erklärt, wie man effizient verkauft und welches Mindset dazugehört, während er selbst nicht mehr konnte. Das Burnout hat er vor sich hergeschoben, die Stimme hat sich verändert, die Körperhaltung auch. Er ist trotzdem weitergegangen.
Was ihm ein Interview mit Jim Carrey gegeben hat, war eine andere Lesart des Wortes Depression: deep rest.
Deine Seele kann nicht mehr eine Person maskieren, die sie nicht ist. Deine Brust trägt nur ein Herz. Du musst dich entscheiden, welches Herz du bist.
Ahmet Can
Luxus heißt: er selbst
Auf die Frage nach dem Luxus, auf den er nicht mehr verzichten will, kam die kürzeste Antwort der Folge.
Ich selbst. Ich will auf mich selbst nicht mehr verzichten. Ich will nicht mehr eine Rolle einnehmen, die andere von mir erwarten.
Ahmet Can
Reichtum heißt: mit sich allein sein können
Materiell ist es für ihn zu hundert Prozent nicht. Er hatte die Frage vorher noch nie gehört und musste kurz überlegen.
Reichtum ist, wenn du mit dir alleine sein kannst, selbst wenn es eine Höhle ist oder einfach nur zu Hause und du guckst eine weiße Wand an. Und du bist mit dir im Reinen, trotz der Fehler oder gerade wegen dieser Fehler.
Ahmet Can
Dazu sein Bild: Ich bin im Ozean geschwommen, bin wegen der Strömung fast verreckt, aber mein Kopf ist oben und ich kann atmen.
Zum selben Thema die Frage, die ich jedem stelle: Wenn Geld eine Person wäre, wie wäre sie? Gierig und geizig. Ins Wohnzimmer würde er sie nicht bitten. Für ihn ist Geld wie ein Virus, der die Seele betäubt. Ein bisschen davon brauche man, klar. Aber das ständige „ich will mehr“ macht krank.
Der wertvollste Satz, den er je gehört hat
Sein Vater ist 2007 gestorben. Vier Stunden vorher haben sie telefoniert, 45 Minuten und 17 Sekunden lang. Ahmet hat durch seine schwere Depression und sein Burnout zeitweise sogar seinen eigenen Namen vergessen. Dieses Gespräch nicht.
Die Personen, die dir am nächsten sind, werden den größten Schaden verursachen.
Ahmets Vater
Danach haben beide geweint, und sein Vater hat gesagt: Dieser Tag wird kommen. Ich bedauere nur, dass ich an dem Tag nicht bei dir sein werde.
Was die Welt besser machen würde
Respekt und Toleranz. Mensch sein.
Ich muss dich nicht lieben. Aber du hast trotzdem das Recht zu existieren.
Ahmet Can
Wütend macht ihn Ignoranz: Menschen, die sich für mehr wert halten, weil sie einer bestimmten Religion, Kultur oder Herkunft angehören. Für ihn sind das Attribute, die später dazugekommen sind. Sie machen nicht unser Wesen aus.
Ich kann die Welt nicht verändern. Ich versuche mich selbst zu verändern.
Ahmet Can
Und der Sinn des Lebens
Sich selbst finden. Etwas hinterlassen. Etwas Positives tun, das der Menschlichkeit dient und nicht an Modernität verliert.
Wo die Leute in 50 oder 100 Jahren sagen: Der Typ war anders. Wir haben ihn damals nicht verstanden, heute verstehen wir ihn. Das ist mein Ziel. Nicht der Porsche, nicht die Villa, nicht die Yacht.
Ahmet Can
Wäre er ein Produkt im Schaufenster, wäre er übrigens ein Spiegel. Das kam wie aus der Pistole geschossen.
Über den Gast
Ahmet Can ist 42, kommt aus Nordrhein-Westfalen und erzählt seit Kurzem online von dem, was er erlebt hat. Diese Folge war sein erster Podcast.
Die Folge anhören
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Weitere Folgen
29. September 2026„Disziplin formt ein einfacheres Leben“ – Ecilio über Natur, Mut und den Weg zu sich selbst
22. September 2026„Ich muss nicht jemand anderes sein, damit ich geliebt werde“ – Michèle über Bücher, die Badewanne und den Weg zu sich selbst
15. September 2026„So viel kann man nicht trinken“ – Katharina Thibus über Sucht, Selbstwert und den Mut, alles zu ändern