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Tiefer als Worte

Andreas, von allen Andy genannt, ist 53, Bassist und Songschreiber bei Dreibettzimmer. Er schreibt die Texte. Vor Dreibettzimmer war er jahrelang in der Reutlinger Szene unterwegs, unter anderem bei Such a Small Hand und Shove it. Auch für ihn war es der erste Podcast.

Die Band ist während Corona entstanden, als niemand zusammen proben durfte. Immer nur zwei im Proberaum. Der Trommler ist Andys ältester Sohn. Zu dritt haben sie angefangen, daher der Name, und den behalten sie, obwohl sie längst mehr sind.

Der Song, den er wegwerfen wollte

Der erste Text, den er damals geschrieben hat, hieß „Leben“. Er hat ihn direkt weggeschmissen.

Ich habe gedacht, niemals veröffentlichen. Alter weißer privilegierter Mann am Jammern übers Leben.

Andreas

Dann hat Sören sich den Text angesehen, sich ans Klavier gesetzt und die Melodie gespielt. Beide saßen im Proberaum und haben geheult. Der Song blieb.

In den Wochen danach sind zwölf bis fünfzehn Texte entstanden, die das erste Album wurden: „Kopf an, Herz aus“.

Heute ist es der Song, bei dem das Publikum mitgeht. Und für seinen Bandkollegen war es das erste Mal, dass jemand Depressionen so beschrieben hat, wie er sie selbst beschreiben würde.

Tiefer als Worte

Für ihn ist es Musik. Ein Lied von vor zwanzig Jahren, sagt er, holt dich sofort zurück.

Du bist wieder connected mit einer Zeit, die es eigentlich nicht mehr gibt.

Andreas

Er steht inzwischen regelmäßig auf Konzerten und kämpft mit den Tränen. Je älter er wird, desto häufiger.

Wir sind nicht mit Gefühlen aufgewachsen

Das ist der Satz, der mir am meisten hängen geblieben ist.

Wir sind aufgewachsen mit: Indianer kennt keinen Schmerz, sei stark, man redet nicht über Gefühle. Ich finde es großartig, dass sich das endlich geändert hat.

Andreas

Er sagt das ausdrücklich ohne Vorwurf an seine Generation. Viele sind so, und wer sich nicht selbst reflektiert, kommt da schwer raus. Bei ihm selbst hat der Prozess gedauert, erst in den letzten Jahren ist er wirklich dort angekommen.

Auch seine eigene Depressionserkrankung spricht er offen an, gerade als es um die Corona-Zeit geht. Für ihn gehört das zum Reden dazu.

Einsam und allein

Auf die Frage, wer er ist, wenn niemand zuschaut, kommt zuerst ein Wort, das andere über ihn sagen: authentisch.

Ich rede mit meinem Chef genauso wie mit dir. Und wenn ich dann mal sage, das ist echt scheiße, dann habe ich halt scheiße gesagt.

Andreas

Und dann etwas, das selten jemand so sagt: Er ist gern allein. Allein auf Festivals, allein im Proberaum, allein im Naturschutzgebiet.

Viele sagen ja einsam und allein. Ich bin gerne einsam und allein.

Andreas

Was Wirkung heißt

Auf die Frage nach dem wertvollsten Satz kommt keiner, sondern mehrere. Eine Musikerkollegin, die sich Zeilen aus seinen Liedern gemerkt hat. Und ein etwa fünfzehnjähriger Junge, der ihn nach einem Open Air auf der Toilette von hinten anspricht:

Nur wegen dir habe ich angefangen, Bass zu spielen.

ein junger Zuhörer

Sein Fazit daraus: Man hat mit dem, was man tut und sagt, offenbar doch eine Wirkung auf andere.

Wo die Welt am schönsten ist

Seine Antwort auf die Frage nach einer besseren Welt kam als Gegenfrage.

Weißt du, wo die Welt am schönsten ist? Auf jedem Konzert, wo Leute zusammen sind.

Andreas

Er war mit seiner Tochter bei Harry Styles, dessen Musik er selbst nicht mag. Trotzdem fand er den Abend großartig, weil er unten Menschen gesehen hat, denen alles egal war und die zusammengehörten.

In unserer Szene ist es egal, ob du 50 oder 16 bist. Wenn jemand hinfällt, wird ihm hochgeholfen. Warum geht das nicht immer?

Andreas

Kritik

Dem Zitat vom vorherigen Gast, man solle darauf achten, wen man nicht kritisieren darf, stimmt er zu. Er erwartet Kritik von seinem Umfeld, weist sie im ersten Moment auch gern mal zurück, denkt aber darüber nach.

Nur mit Kritik komme ich irgendwie voran. Wenn ich jemanden nicht kritisieren darf, erhebt er sich über mich.

Andreas

Wobei er die andere Sorte gut kennt. Demotivierende Kommentare kommen von Leuten, die selbst demotiviert oder frustriert sind:

Das ist so ein Kampf gegen Dummheit irgendwie.

Andreas

Was er seinem jüngeren Ich mitgeben würde

Da kommt er sofort:

Geh nicht den Weg, der dir anerzogen ist. Geh deinem Gefühl nach.

Andreas

Schule, Abschluss, Lehre, Arbeit. Sein Gefühl ging immer Richtung Musik, aber er hat vieles dahinter angestellt. Sein Rat: finde dich erst mal.

Der Sinn des Lebens

Vielleicht etwas hinterlassen, wo andere eine Wertschöpfung draus haben.

Andreas

Musik ist dabei zweitrangig. Es geht ihm eher darum, dass seine Kinder später sagen, in dem Punkt hatte er recht, auch wenn sie ihren eigenen Weg gehen.

Und für alles darunter hat er eine nüchterne Haltung: Ideale werden nicht erreicht, sonst wären es keine. Also bestmöglich rausholen, was geht.


Über den Gast

Andreas ist Bassist und Songschreiber der Band Dreibettzimmer.

Instagram: @cycond_3bz
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