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Tiefer als Worte

Kennengelernt haben wir uns im August auf einer Buchmesse am Bodensee. Ich kam von draußen zurück, Bärbel stand da und wollte eigentlich schon wieder an ihren Stand. Ich habe gefragt, woher sie kommt. Sie hat im schönsten Hochdeutsch geantwortet, aus Engstingen. Ich habe zurückgegeben: ah, aus Engstinge. Und dann hat sie sich umgedreht und die Frage noch einmal gestellt, plötzlich im Schwäbischen. Metzingen. Damit war die Sache klar.

Bärbel macht Kinderbücher, mittlerweile auch Kochbücher, und ist hier als Hexe B unterwegs. Vor vier Jahren hat sie angefangen zu schreiben, vor zwei Jahren hat sie zusammen mit Yannick einen Verlag gegründet. Die beiden ziehen mit ihren Büchern über Märkte und Messen und verkaufen sie in echt, von Mensch zu Mensch.

Was „tiefer als Worte“ für sie bedeutet

Grundsätzlich ist jede Form von Kommunikation tiefer als Worte, weil die Worte bilden bloß die Oberfläche.

Bärbel

Was mitschwingt, was dahintersteht, das ist für sie das Eigentliche. Und sie ergänzt sofort etwas, das zu ihr passt: Auch ein Bild kann tiefer als Worte sein. Eine Illustration.

Sie hat schon immer gemalt

Immer, immer, immer. Als Kind, in einem Haushalt, in dem viel gezeichnet wurde. In der Schule, wenn sie kurz vorm Durchdrehen war, hat sie alles angemalt oder Pferde gezeichnet, unfassbar viele Pferde. Zeichnen war der Ort, an dem sie sich ausdrücken und gleichzeitig den Kopf ausschalten konnte.

Heute kann sie auf Zuruf jedes Tier malen. Mit zwei Ausnahmen.

Alle Tiere, außer Nilpferd und Nashorn. Die kriege ich irgendwie einfach nicht raus.

Bärbel

Was die Welt zu einem besseren Ort machen würde

Hinschauen. Und zwar bei allen.

Bärbel stört, dass man an Menschen vorbeischaut, und das hat sie schon als Kind gestört. Wenn wir die Leute mehr sehen würden und uns weniger davon beeinflussen ließen, was drumherum ist, wäre die Welt ein besserer Ort. Ob jemand viel Geld hat oder wenig, ist ihr dabei vollkommen gleich. Viel wichtiger ist, ob jemand nett ist. Und selbst wenn nicht, sagt sie, hat das oft einen Grund, den man nur nicht kennt.

Kinder ernst nehmen

Kinder nimmt sie genauso ernst wie Erwachsene, und sie hört ihnen genauso zu. Das merken die Kinder. Bei Lesungen kommen sie und erzählen ihr, dass die Oma gestorben ist, oder wie es in der Schule war. Sie hört zu, auch bei den Problemen, die Erwachsene schnell wegwischen mit „das ist doch nicht so schlimm“.

Einmal hat sie eine Lesung für Erwachsene gehalten und irgendwann nur noch erzählt, was Kinder ihr antworten, wenn sie ihnen ihre Fragen stellt. Die Erwachsenen kamen hinterher und sagten, wie einfach diese Antworten sind.

Was isst du gern? Da hat ein Kind sofort eine Antwort drauf. Wer ist dein bester Freund? Sofort eine Antwort. Und wir Erwachsenen sind dann so: hm, weiß nicht.

Bärbel

Nächste Woche ist es vielleicht eine andere Antwort. Das findet sie nicht schlimm, sondern schön. Kinder leben im Moment.

Wann sie das letzte Mal authentisch war

Mittlerweile bin ich immer authentisch.

Bärbel

Das war nicht immer so. Viele Jahre hat sie sich schwergetan, weil sie dachte, dass sie so, wie sie ist, nicht akzeptiert wird. Weil sie anders war, schon immer. Irgendwann hat sie sich entschieden, dass es zu viel Anstrengung kostet, jemand anderes zu sein.

Ich bin laut, ich bin emotional, ich bin wild, ich bin manchmal vielleicht auch unangenehm. Aber ich bin ehrlich, und ich versuche eigentlich immer, ich zu sein.

Bärbel

Sie sagt auch dazu, dass es ihr nicht jeden Tag gut damit geht. Es gibt Phasen, da ist alles doof. Das gehört dazu. Den größten Teil der Zeit aber ist sie glücklich damit, sie zu sein, und hat sich daran gewöhnt, dass es in Ordnung ist, anders zu sein.

Jeder braucht seinen Orasa Berg

Bei ihr zu Hause gehen viele Menschen ein und aus, die auch immer schon ein bisschen anders waren. Sie nennt es die Insel der besonderen Kinder. Zu wissen, dass man nicht allein ist, hat ihr selbst enorm geholfen. Deshalb gibt es die Bücher. In ihnen kommen nicht nur die vor, die bewusst anders sind, sondern auch die Lauten und die Angeber.

Es ist so wichtig, dass jeder in seiner Besonderheit seinen Orasa Berg findet, wo er sein Zuhause hat und wo er akzeptiert wird, so wie er ist.

Bärbel

Geholfen hat ihr auch ihr Freund Jens. Wenn sie sagte, die anderen Leute denken doch, man müsse dies und jenes so und so machen, hat er nur geantwortet: ja, die anderen.

Was sie wirklich stresst

Nicht Menschen, die sie nicht mögen.

Mich stressen am allermeisten Menschen, denen ich anmerke, dass nicht stimmt, was sie tun. Weil sie so krass versuchen, etwas zu sein, was sie nicht sind.

Bärbel

Mit denen, die schrullig und echt sind, kommt sie viel besser klar, weil man sie einschätzen kann. Wer ihr sagt, sei mal leise, du bist zu laut, damit kann sie umgehen. Schwerer tut sie sich mit denen, die sie anlächeln, während etwas nicht stimmt und sie nicht weiß, was.

Im Lauf der Jahre hat sie dazugelernt: Manche Menschen können gar nicht heraus. Sie sind in Regeln gefangen und wissen nicht einmal, dass es einen Ausgang gibt. Das akzeptiert sie.

Ihre Superkraft

Bärbel muss nicht lange überlegen, sie hat eine.

Meine Superkraft ist, ganz schnell Lösungen für Dinge zu finden. Ich kann arg gut von außen auf Sachen draufschauen.

Bärbel

Egal ob Lebenssituation, Projekt oder ein Zimmer, das neu organisiert werden muss. Beruflich lebt sie davon, sie hat eine Marketingagentur. Und Kinderlösungen, sagt sie, sind die schwereren. Kinder hinterfragen mehr und nehmen die Dinge gründlicher auseinander.

Ich bin eigentlich nur eine groß gewachsene Vierjährige.

Bärbel

Im Gespräch kommt dann eine zweite Superkraft zum Vorschein, die sie selbst gar nicht als solche benannt hätte.

Ich zeichne nicht, was ich sehe, sondern ich zeichne, was ich fühle.

Bärbel

Wenn sie einen Menschen beschreiben soll, kann sie sagen, was für ein Typ er ist, aber nicht, wie er aussieht. Bei Tieren geht es ihr genauso. Sie versucht zu sehen, was die Tiere für eine Idee haben, warum sie da sind, wie sie sich fühlen.

Was hinter einem Buch steckt

Ich habe sie gefragt, was sie Menschen entgegnet, die sagen, so ein Kochbuch könne man doch schnell von einer KI schreiben lassen.

Ihre Antwort ist erstaunlich unaufgeregt: KI ist ein gutes Werkzeug, wenn man es beherrscht. Im Agenturalltag arbeiten sie damit. Orasa selbst ist aber KI-frei, und zwar aus einem einfachen Grund.

Wenn du nichts Gescheites einfütterst, kommt da auch nichts Gescheites raus.

Bärbel

Und weil ein Kochbuch mehr ist als Zeichnungen und Rezepte. Es muss funktionieren. Am Kind. Ihre Kinderbücher hat sie für über zweitausend Kinder gelesen, bevor sie fertig waren. Beim Kochbuch hat jedes Rezept ungefähr zwanzig Durchgänge hinter sich, mit ihr und Yannick, dazu Testfamilien, Erwachsene ohne Kinder und verschiedene Altersgruppen. Rund fünfhundert Stunden allein bei ihnen, zwei Jahre Arbeit. Manche Gerichte kann bei ihr zu Hause inzwischen niemand mehr sehen.

Sie sind vier: Bärbel, Jens, Yannick und ihre Grafikerin Michaela, die alles setzt und druckfertig macht und die, wie Bärbel sagt, kein Mensch zu Gesicht bekommt.

Einmal waren alle Zeichnungen fertig. Dann saßen sie morgens zusammen und Jens sagte, eigentlich sei es falsch, es so zu machen, das sei nicht Orasa. Bärbel hat geweint, und danach zwei Wochen lang Lebensmittel gemalt.

Ein Spiegel im Schaufenster

Auf die Frage, welches Produkt im Schaufenster sie wäre, war ich auf vieles gefasst, aber nicht darauf.

Ich wäre höchstwahrscheinlich ein Spiegel. Einer, der auch mehr zeigt als nur das Spiegelbild.

Bärbel

Was sie wütend macht

Drei Dinge. Ungerechtigkeit, Lügen und Leid, das Kindern oder Tieren zugefügt wird.

Ungerechtigkeit hat sie schon in der Schule nicht ausgehalten. Wenn jemand zur Strafe auf dem Tisch stehen musste, weil er sein Heft vergessen hatte, hat sie sich danebengestellt. Bei Lügen unterscheidet sie: Notlügen gibt es, und manchmal überlegt man eben, wie man etwas sagt, ohne jemanden zu verletzen. Wütend wird sie, wenn jemand lügt, um sich einen Vorteil zu verschaffen.

Und sie meint damit auch die alltäglichen Formen: einen Hund halten, für den man keine Zeit hat. Einem Kind nicht gerecht werden, das man sich gewünscht hat. Den eigenen Unmut am Kind auslassen.

Der lange Weg

An einer Stelle wird sie deutlich, und das ist vielleicht die wichtigste des ganzen Gesprächs.

Ich glaube, es ist ganz wichtig, den Leuten nicht immer nur zu sagen: sei einfach du selbst. Das ist schnell gesagt. Aber der Weg dahin kann echt lang sein.

Bärbel

Man kommt nie an den Punkt, an dem alles gut ist und nichts mehr weh tut. So wird es nie sein. Es geht darum, den Großteil der Zeit sagen zu können, dass man mit sich klarkommt. Der Weg dorthin ist anstrengend, und sie sagt ohne Umschweife, wie viel sie geweint und geschimpft und infrage gestellt hat.

Was sie daraus mitgenommen hat, ist das Mutmachen. Nicht aufgeben, sich finden, in Ordnung sein. In jedes Buch, das sie signiert, schreibt sie denselben Satz.

Bleib wie du bist.

Bärbel

Wir sind an dieser Stelle bei meiner Liegestütz-Challenge gelandet, weil sie genau das zeigt. Meine Angst vorher war groß, dass niemand mitmacht. Dann haben fast alle mitgemacht, und beim Eisbaden stehen inzwischen drei Leute, die zehn Liegestütze machen. Bärbels Punkt daran: Es war nicht nach jedem Mal leicht, und genau das gehört dazu. Wir haben verlernt, dass hinter guten Ergebnissen Arbeit steckt.

Sie arbeitet gerade an einem Konzept, das Kindern wieder mehr Selbstverantwortung gibt, in Ferienkursen zum Beispiel. Damit sie den Weg zu etwas selbst gehen, so wie beim Fahrradfahren oder Reiten.

Reichtum

Ich brauche keinen Porsche. Ich trinke viel lieber Apfelsaftschorle als Champagner.

Bärbel

Reichtum ist für sie etwas anderes: akzeptiert zu werden, wie man ist. Menschen um sich zu haben, die einen so mögen. Und im Großen und Ganzen durchzukommen.

Sie sagt einen Satz, den sie im selben Atemzug wieder einordnet: Arme Menschen seien meistens glücklicher als reiche. Es gebe aber auch glückliche reiche Menschen, sie kenne sehr wohlhabende Menschen und möge sie sehr. Nicht wegen des Geldes, sondern weil sie so sind, wie sie sind. Wen sie ohne Geld nett findet, findet sie auch mit Geld nett.

Teure Dinge kann sie trotzdem schätzen. Jens hat ihr ein Messer geschenkt, und sie freut sich jedes Mal, wenn sie es benutzt. Leben könnte sie auch ohne. Und wenn ich ehrlich bin: Jens nimmt sie sowieso lieber in den Arm, als ihr noch ein Messer zu schenken.

Was sie richtig gut findet, ist, wenn Menschen, die etwas haben, anderen etwas ermöglichen. Weitergeben macht glücklich.

Der Sinn des Lebens

Dass man etwas bewegt. Dass du irgendetwas tust, wo du in irgendeiner Form etwas zurückgeben kannst. Und dadurch auch eine gewisse Zufriedenheit für dich selbst erreichst.

Bärbel

Die Welt ein kleines bisschen besser machen. Sie sagt selbst, dass das groß klingt und dass es jeder sagt. Deshalb bleibt sie beim kleinen bisschen.


Über den Gast

Bärbel macht Kinderbücher, Geschichtenbücher und Kochbücher, für Kinder und für Erwachsene. Gemeinsam mit Yannick führt sie den Verlag hinter Orasa Berg und ist damit auf Messen und Märkten unterwegs.

Sie kommt zum Vorlesen in Kindergärten, Grundschulen und Büchereien und macht Kochkurse, auch als Ferienkurs oder zum Geburtstag. Anfragen gehen über ihre Website oder Instagram. Ein bisschen Vorlaufzeit sollte man einplanen, nächste Woche wird schwierig.

Instagram: @orasa_kinder_kochen
Website: orasa.de

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