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Tiefer als Worte

Brigitte habe ich auf einem Gartenfest kennengelernt. Ich war kurz weg, kam zurück an den Tisch, und es war still. Ich habe gefragt, worum es gerade ging, und daraus wurde ein Gespräch, nach dem ich sie gefragt habe, ob sie in den Podcast kommt. Sie ist 71 und Astrologin.

Ein Vater, den sie nie kannte

Brigitte ist die Jüngste von neun Kindern. Als sie zehn Monate alt war, starb ihr Vater bei einem Autounfall. Ihre Mutter saß mit im Auto und war von da an invalide.

An den Tag selbst erinnert sie sich, und sie sagt dazu, dass ihr das vermutlich kaum jemand glaubt. Sie stand in der Küche, konnte noch nicht richtig stehen und hielt sich an einem Schlüssel fest. Sie sah ihre Geschwister weinen und wusste, dass gerade etwas passiert war, das ihr Leben verändern würde.

Das Bindeglied dazu kommt später im Gespräch: Bei ihrer Hausgeburt hat nicht die Mutter sie als Erste in den Armen gehalten, sondern der Vater. Er hat sie entgegengenommen.

Über ihn weiß sie nur, was erzählt wurde. Er habe mit seinen Kindern gespielt und alles gerecht geteilt, auch das Fleisch. Zwei Dinge habe er gehasst: Lügen und Schlamperei.

Das Gefühl, nichts wert zu sein

Die Familie war arm. In Werken und Handarbeit musste man Material mitbringen, das konnte sie nie. Sie war Außenseiterin, und sie hatte das Gefühl, selbst von den Lehrern so behandelt zu werden.

Wie wenn die Familie keinen Wert gehabt hätte. Das hat sich natürlich viele, viele Jahre durch mein Leben gezogen. Dieser Selbstwert, nichts zu sein.

Brigitte

Bemerkenswert fand ich, dass sie das nicht abgelegt hat, sondern offen sagt: Auch heute, mit 71, mit allem Wissen und aller Erfahrung, hat sie noch Selbstwertprobleme. Auf die Frage nach ihrem glücklichsten Tag antwortet sie: wenn sie das, was sie denkt und glaubt, einmal bis in die letzte Zelle spüren könnte.

Dankbar für jede Krankheit

Der erste Wendepunkt kam über Panikattacken, von heute auf morgen, rund um die Uhr. Sie stand beim Arzt an der Theke, draußen pfiffen die Vögel, und sie dachte, jetzt geht es zu Ende. Daraus wurde die Erkenntnis, dass sie das Leben, das sie gerade führte, nicht weiterführen wollte.

1993 machte sie sich selbstständig. Alle anderen in der Branche nannten es Kosmetiksalon. Sie nannte es Kosmetikpraxis, weil es ihr nie ums Cremesverkaufen ging. Eine Kundin hat einmal gesagt, sie wisse gar nicht, ob sie wegen ihrer Füße komme oder weil es ihr danach besser gehe.

Der zweite Wendepunkt war Brustkrebs. Das komplette Programm, Bestrahlung und Chemo. Zwischen den Zyklen hat sie weiter gearbeitet, das Geschäft hat ihr Halt gegeben. Am schlimmsten war nicht die Behandlung, sagt sie, sondern das Gefühl, aus der Welt geschleudert worden zu sein.

Ich bin so unendlich dankbar für diesen Brustkrebs. Ich kann es keinem sagen. Der hat mich letztendlich zur Astrologie gebracht, zu meinem heutigen Leben, zu meinem heutigen Sinn.

Brigitte

Das größte Geschenk

Auf die Frage nach dem größten Geschenk, das sie sich selbst gemacht hat, kommt eine Antwort, von der sie selbst sagt, sie klinge erst mal nicht schön: ihre zweite Scheidung. Nicht aus Bitterkeit. Sie hat begriffen, dass sie kein Mensch ist, der in fester Bindung lebt, und hat sich ihre Freiheit geschenkt. Mit ihrem geschiedenen Mann trinkt sie heute Kaffee.

Über ihren ersten Mann erzählt sie einen Satz, den sie mehrmals die Woche gehört hat: Du wärst so hübsch, wenn du schlanker wärst. Ihre Deutung von heute ist das, was mir am längsten nachgegangen ist. Sie hätte nicht abnehmen sollen. Er habe ihr eigentlich gesagt, wie sie sich selbst fühlt. Der Partner als Spiegel.

Würde sie etwas anders machen? Nein. Dafür hätte sie jung schon wissen müssen, was sie heute weiß.

Und was sie ihrem jüngeren Ich nicht erklären, sondern fühlen lassen würde: Ich war doch schon immer für dich da, und es tut mir leid, dass ich es damals nicht war.

Ihre Botschaft zum Schluss, die sie am liebsten von einem Berg rufen würde:

Ihr seid kostbare Wesen. Und vielleicht nicht immer nur das, was ihr von euch denkt.

Brigitte

Über den Gast

Brigitte arbeitet als Astrologin. Sie selbst nennt die Astrologie die älteste Wissenschaft, die leider nicht anerkannt sei, und sagt dazu, sie dränge ihren Glauben niemandem auf.

Kontakt: Info (at) ein-impuls.de

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