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Tiefer als Worte

Kennengelernt haben wir uns auf einem Netzwerktreffen. Jeder durfte kurz von sich erzählen, und als Desiree dran war, war das für mich einer dieser Momente: so viele Ähnlichkeiten, obwohl wir völlig unterschiedliche Dinge machen. Danach durften wir netzwerken, ich bin zu ihr rüber, und statt Händeschütteln gab es eine Umarmung. Von zwei Menschen, die sich zehn Minuten kannten.

Desiree ist gelernte Floristmeisterin und Dekorateurin. Über die Jahre und über einige Umwege kamen eine Ausbildung zur Resilienztrainerin für Kinder und Jugendliche dazu und ein Naturcoach. Seit 2021 dokumentiert sie ihren Weg unter dem Titel „Lass dein Leben aufblühen“. Sie hat einen Verein mitgegründet, geht in Schulen und unterrichtet dort mentale Stärke, Verbundenheit zur Natur und vor allem eines: Gefühle zeigen.

Ich bin die Desiree und ich bin einfach Mensch.

Desiree

Jungs dürfen fühlen

Ihr erstes großes Thema ist das, was mit Sätzen anfängt wie „Indianer kennen keinen Schmerz“ oder „hör auf zu weinen, du bist doch ein Junge“.

Desiree erlebt in Schulen Elf- bis Vierzehnjährige, die in sich gekehrt sind und keine schönen Worte mehr füreinander haben. Das macht sie traurig, und es ist der Grund für ihre Arbeit. Sie holt auch Eltern mit ins Boot, macht Informationsabende und versucht begreiflich zu machen, was ein paar Worte mit Kindern anrichten können.

Ihr Bild dafür ist das Feuer. Man kann mit einem Feuer etwas verbrennen, und man kann eine Kerze daran anzünden. Wut ist Energie, und Energie lässt sich umwandeln. Sie sagt von sich selbst, dass sie früher Wutausbrüche hatte, und dass sie gelernt hat, diese Energie in etwas anderes zu drehen.

Was „tiefer als Worte“ für sie bedeutet

Sie setzt bei einer Alltagsfrage an, die fast nie eine echte Frage ist.

Wir fragen so oft belanglos, wie geht es dir. Ich antworte manchmal: möchtest du das wirklich wissen? Weil dann sitzen wir lang.

Desiree

Tiefer als Worte heißt für sie, einen Menschen wahrzunehmen, ohne nur seine Worte zu hören. Und sie sagt, dass Kinder und Jugendliche das noch können. Je älter Menschen werden, desto mehr Scheuklappen kommen dazu und desto weniger offen sind sie für die Tiefe. Deshalb arbeitet sie so gern mit Jugendlichen, da passiert der Umbruch.

Ich sage immer zu den Kindern: ich vergolde die Steine, die mir im Weg liegen.

Desiree

Wenn ein Junge Ballett machen will

Wir sind an der Frage hängengeblieben, was passiert, wenn ein Kind etwas will, das nicht ins Raster passt. Ein Elfjähriger, der nach einer Tanzshow sagt: Mama, ich will Ballett machen.

Desiree hat als Kind lieber mit Autos gespielt und war lieber im Dreck. Ihre Eltern haben sie machen lassen, auch wenn von ihrer Mutter ab und zu der Satz kam, was denn die Nachbarn davon denken. Genau diese Angst sieht sie heute bei vielen Eltern.

Was ihr dabei geholfen hat, ist ein Bericht, den sie einmal gelesen hat: Bei einer Beerdigung weinen höchstens zehn Menschen wirklich um dich, und ungefähr drei Monate lang vermisst dich jemand richtig intensiv. Danach geht das Leben weiter.

Da dachte ich mir: so what. Dann finden die mich halt alle nicht gut.

Desiree

Ihre Antwort auf den Ballettjungen ist entsprechend eindeutig. Neunundneunzig von hundert Jungs spielen Fußball. Wenn Ballett dich glücklich macht, dann geh den Weg, ich glaube an dich und ich bin für dich da.

Sie war People Pleaser

Und zwar ausgeprägt. Sie sagt es ohne Umschweife: mehr People Pleaser ging nicht. Sie ist dabei an die falschen Menschen geraten, und genau deshalb steckt Resilienz heute in ihrer Arbeit.

Auf die Frage, ob sie das gebraucht hat, um da zu stehen, wo sie heute steht, antwortet sie ohne Zögern mit Ja.

Ohne das wäre ich mir gar nicht bewusst, wie sehr ich mich liebe und welche Werte ich habe.

Desiree

Probleme lösen lassen, statt Probleme lösen

Sie zitiert Gerald Hüther: Kinder brauchen Probleme, um zu wachsen. Aber es sollten Probleme sein, die sie selbst lösen können. Und wenn sie es nicht selbst können, sind wir da, um zu begleiten.

Begleiten heißt bei ihr ausdrücklich nicht, das Problem zu übernehmen. Ihr Sohn hatte Angst, im Dunkeln allein zum Schulbus zu laufen. Sie hat ihn zuerst ganz gefahren, dann bis zur Hälfte, dann stand sie nur noch vor der Tür, dann haben sie telefoniert. Heute läuft er allein.

Unsere Kinder können ganz klar äußern, was sie brauchen. Ich bin der Meinung, sie haben viel zu wenig zu sagen.

Desiree

Das Ritual statt der Umarmung

Desiree drückt gern. Irgendwann hat ihr Sohn ihr gesagt, dass er das uncool findet. Also haben sie etwas Neues gesucht, und er durfte es aussuchen: eine Begrüßung mit Hand, Arm und Fuß. Wenn jemand zusieht, feiert er das, weil es cool mit der Mama ist.

Ihren eigenen Wunsch hat sie deshalb nicht aufgegeben. Sie will nur, dass er freiwillig kommt.

Mein Kind ist eine eigene Persönlichkeit. Welches Recht habe ich, da drüberzugehen?

Desiree

Und er kommt. Einfach so, mitten am Tag, Mama, ich hab dich lieb. Oder: Mama, kannst du kurz zu mir kuscheln. Das sind für sie die Momente, die zählen.

Zuhören ist ihr nicht genug

An dieser Stelle macht sie eine Unterscheidung, die hängen bleibt.

Zuhören ist mir zu wenig. Ich sage lieber hinhören.

Desiree

Ihr Punkt dahinter: Erwachsene haben verlernt, sich selbst zuzuhören. Viele drücken ihre Gefühle weg, mit etwas zu rauchen, etwas zu trinken, irgendetwas Schnellem, das kurz befriedigt. Und wer sich selbst nicht mehr hört, kann auch einem Kind nicht zuhören.

Sie sieht das auch an einer Kleinigkeit. Frag ein Kind, ob es lieber Eis oder Spätzle will, und die Antwort kommt sofort. Frag einen Erwachsenen, und du bekommst ein Ja, aber eigentlich hätte ich gern Knödel.

In ihren Naturcoachings geht sie mit Menschen in den Wald, hört zu und schafft Raum, damit sie sich selbst reflektieren können. Wie wenig Selbstreflexion viele Erwachsene haben, hätte sie vorher nicht gedacht.

Wann hast du dir das letzte Mal zugehört?

Statt der üblichen Frage nach Authentizität habe ich sie das gefragt. Ihre Antwort: täglich.

Sie reflektiert jeden Abend und schreibt auf, was gut gelaufen ist. Entscheidungen zu treffen ist für sie das elementarste Werkzeug, und es ist eines, das sie erst lernen musste. Eine Hundert-Tage-Challenge hat dabei mehr verändert als alles davor. Jeden Tag Gewohnheiten überdenken, jeden Tag Entscheidungen schneller treffen.

Und es fängt im Kleinen an. Ein anderer Kaffee als sonst. Zähneputzen mit der anderen Hand.

Sie hat außerdem ein Rad des Lebens für sich erstellt, mit zwölf Bereichen. Spiritualität, Arbeit, Familie, Freunde, Beziehung, sie selbst als Mensch. Wenn alle zwölf einigermaßen ausgeglichen sind, ist das Leben ausgeglichen. Ein Feld war bei ihr fünf Jahre lang schlicht leer.

Was die Welt zu einem besseren Ort machen würde

Ich beginne bei mir. Wer bin ich, was liebe ich, was könnte ich im Hier und Jetzt tun, das mich wirklich auf Dauer glücklich macht.

Desiree

Unabhängig von Partnern und Kindern, sagt sie, und meint damit ausdrücklich auch Mütter, die sich im Muttersein verlieren. Dazu gehört für sie etwas, das sie früher nie konnte: Hilfe annehmen. Heute sucht sie sich überall Unterstützung, und sie nennt das einen Game Changer.

Dann kommt Vera F. Birkenbihl ins Spiel. Wir alle haben unsere Wahrnehmung und halten sie für richtig. Die anderen dürfen aber anders denken.

Das ist deine Wahrnehmung, das ist meine Wahrnehmung. Hinhören, nicht bewerten.

Desiree

Genau das hat bei ihr und dem Vater ihres Sohnes den Unterschied gemacht. Die beiden hatten völlig gegensätzliche Vorstellungen. Heute können sie ganz normal miteinander reden, und das ging erst, als beide die Sicht des anderen stehen lassen konnten.

Daraus ist ihr Kurs entstanden: vom Ich zum Du zum Wir. Sie macht ihn in Schulen, an Elternabenden und in Firmen. Neunzig Minuten. Danach sagen Kinder zueinander Sätze wie: eigentlich bist du ja doch ganz cool.

Ihre Superkraft

Ich glaube, ich habe sie schon. Ich darf sie nur mehr leben.

Desiree

Sie fühlt, was andere fühlen, und zwar stark. Früher hat sie das manchmal erdrückt, besonders bei Menschen, die in der Gesellschaft nicht gesehen werden. Als Floristmeisterin macht sie auch Trauerarbeit, mit Kindern und mit Erwachsenen, und da spürt sie den ganzen Raum.

Wenn sie sich etwas wünschen dürfte, wäre es, das noch besser zu können. Ihr Argument dafür ist bemerkenswert nüchtern: Sie beschäftigt sich viel mit Zukunftsforschung und mit KI, und genau das Fühlen ist das, was uns als Menschen ausmacht. Eine KI hat das nicht.

Was sie wütend macht

Fast nichts mehr, und das ist eine bewusste Entscheidung. Sie hat keinen Fernseher, konsumiert so wenig negative Medien wie möglich und wählt sehr genau aus, mit wem sie spricht.

Mein Wunsch wäre, dass jeder vor seiner eigenen Haustür kehrt. Aufhört mit Neid, mit Missgunst, mit Hass, und einfach mehr fühlt.

Desiree

Sie hat auch darüber nachgedacht, ob sie lieber in einer anderen Zeit gelebt hätte, und ist bei einem klaren Nein gelandet. Diese Welt ist die Summe unserer Entscheidungen, und sie hält es für eine ausgesprochen machtvolle Zeit.

Was sie stattdessen baut

Aus dem Verein heraus, den sie mitgegründet hat, ist eine Bildungswerkstatt entstanden. Ferienfreizeiten für Kinder von vier bis fünfzehn, fast alles draußen. Feuer machen, Pizza und Pfannkuchen selbst zubereiten, in den Pool springen, Hip-Hop lernen.

Was sie daran fasziniert, ist, was in einer Woche zwischen fremden Kindern entsteht, wenn man ihnen Raum lässt und wirklich hinhört, worauf sie Lust haben. In einer ihrer Gruppen ist ein Jugendlicher dabei, der genau so geliebt wird, wie er ist, und der der Gruppe unglaublich viel schenkt. Er singt, er tanzt, er hat Talente, die man erst sieht, wenn man hinschaut.

Ich nenne mich Zukunftsgestalterin, weil ich mit meinem Hier und Jetzt gestalte.

Desiree

Reichtum

Für sie ist das Wort groß, und sie fasst es weit.

Wir sind so reich, jeder von uns, egal aus welcher Schicht. Wir haben die Möglichkeit, unser Leben frei zu gestalten.

Desiree

Reichtum ist für sie nicht Energie in Geldform, sondern so viel Lebensenergie zu haben, dass sie gestalten kann. Die Freiheit, zu sagen: heute habe ich darauf Lust. Zwei gesunde Kinder, selbst gesund, morgens mit einem Lächeln aufwachen.

Und sie dreht es noch einmal um.

Es gibt so viele Reiche, die fühlen sich arm, weil sie sich selbst nicht mehr spüren.

Desiree

Etwas, das sie lange nicht ausgesprochen hat

Auf diese Frage kommt eine Antwort, die ich so nicht erwartet hatte. Sie spricht vieles aus, sagt sie, aber manches behält sie auch bewusst für sich. Man muss nicht sein ganzes Leben teilen. Was sie sich stattdessen wünscht, ist Akzeptanz dafür, dass jeder so sein darf, wie er ist.

Der Sinn des Lebens

Das Leben selbst. Lebendig, echt, mit Liebe zu leben.

Desiree

Was sie dir mitgeben möchte

Mut zum Glücklichsein. Mut, einfach dein Ding zu machen. Mut zur Veränderung. Achtsam mit dir selbst zu sein und zu sagen: da ist meine Grenze. Es muss mich nicht jeder mögen.

Desiree

Über den Gast

Desiree ist Floristmeisterin, Resilienztrainerin für Kinder und Jugendliche und Naturcoach. Sie geht in Schulen, an Elternabende und in Firmen und arbeitet dort zu mentaler Stärke, Naturverbundenheit und dem Thema Gefühle zeigen. Ihr Kurs heißt „Vom Ich zum Du zum Wir“.

Über den Verein Erlebnisreich, den sie mitgegründet hat, entstehen Ferienfreizeiten und Bildungsangebote für Kinder und Jugendliche. Auf Instagram dokumentiert sie ihren eigenen Weg unter „Lass dein Leben aufblühen“, aktuell in Form einer Fünfzig-Tage-Challenge.

Instagram: @die_blickfanggestalterin

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