Erik ist 37, Beamter im öffentlichen Dienst, seit anderthalb Jahren verheiratet und vor vier Monaten zum ersten Mal Vater geworden. Er ist trans und geht damit offen um. Kennengelernt haben wir uns im Krankenhaus, ein Stockwerk voneinander entfernt, und aus elf Tagen dort ist eine Verbindung geworden, die geblieben ist.
In dieser Folge geht es um Ghosting, um Hass in der Gesellschaft und vor allem um einen Unterschied, den Erik jeden Tag sieht: Kinder fragen, Erwachsene urteilen.
Was „tiefer als Worte“ für ihn bedeutet
Erik sagt, mit dem gesprochenen Wort habe das für ihn wenig zu tun. Es ist alles, was unter die Haut geht. Mimik, Gestik, Emotionen. Wir verstehen uns ja teilweise auch ohne Worte, sagt er, und genau das kann sehr tief gehen.
Man kann nicht nicht kommunizieren. Auch wenn du nicht kommunizierst, kommunizierst du automatisch.
Erik im Gespräch
Das Elterncafé
Auf die Frage, wann er zuletzt etwas zum ersten Mal gemacht hat, erzählt Erik von einem Nachmittag, den er sich vorher nicht zugetraut hätte. Er ist mit dem Baby allein in ein Elterncafé gefahren. Das Kind wird gestillt und nimmt die Flasche nicht, deshalb ist eine längere Zeit ohne die Mama immer ein Wagnis.
Er hat es trotzdem gemacht. Zwei richtig schöne Stunden, sagt er, nette Leute, und am Ende dann vierzig Minuten Geschrei im Auto, weil er den kritischen Moment verpasst hatte. Geblieben ist trotzdem das gute Gefühl, über den eigenen Schatten gesprungen zu sein.
Und die Erkenntnis, dass er dort gar nicht allein war. Es waren andere Elternteile da, auch Väter. Man fühlt sich nur am Anfang komisch.
Was die meisten an ihm sehen
Erik sagt, Menschen halten ihn beim ersten Treffen oft für selbstbewusst, geradeaus, vielleicht sogar extrovertiert. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Er ist eher zurückhaltend, ergreift in Gruppen nicht als Erster das Wort und schaut erstmal.
Was er sich wünscht, dass Menschen sehen, formuliert er so: dass er ein guter Gesprächspartner ist und ein offenes Ohr hat, ohne sich darin zu verlieren. Nicht der Mülleimer für andere, sondern ein treuer Begleiter, wenn man ihn in sein Leben lässt.
Ghosting
Es gibt ein Thema, bei dem Erik am liebsten aus der Haut fahren würde, und das ist Ghosting. Menschen, die ihn von heute auf morgen aus ihrem Leben streichen, ohne ein Wort.
Ein Wort hätte vollkommen ausgereicht. Sagt den Leuten doch einfach mal ins Gesicht, dass es nicht mehr geht.
Erik
Er sagt, er wäre vollkommen fein damit, wenn jemand ihm sagt, wir sind nicht auf einer Wellenlänge, hier trennen sich unsere Wege. Was er nicht aushält, ist das Verschwinden ohne Erklärung, weil man dann nie erfährt, was eigentlich los war.
Wir haben im Gespräch überlegt, woran das liegt. Vermutlich an der Angst vor dem Konflikt, davor, dass der andere kämpft oder nachbohrt. Erik sagt, genau das würde er gar nicht tun. Ein transparentes Nein wäre für ihn völlig in Ordnung.
Und da ist dieses Paradox: Wir haben alle Handys, die uns die Kommunikation leichter machen sollten, und kommunizieren am Ende gemeinsam einsam.
Der wertvollste Satz, den er je gehört hat
Ich liebe dich genauso, wie du bist.
Der wertvollste Satz für Erik
Mit allen Ecken und Kanten, mit allen Macken. Erik sagt, im Moment selbst konnte er das gar nicht richtig realisieren. Es hat gebraucht, bis ankam, dass da etwas völlig bedingungslos gemeint war. Und dann stand ihm das Wasser in den Augen.
Reichtum ist die Burg
Reich fühlt Erik sich jeden Tag, wenn er nach Hause kommt. Er nennt es unsere Burg. Ein Ort, an dem jeder willkommen ist, der willkommen sein möchte, und an dem niemand sich verstellen muss.
Hier sind Menschen, die mich so lieben, wie ich bin, und sie tun es bedingungslos. Hier ist einfach unser Frieden.
Erik
Kinder fragen, Erwachsene urteilen
Erik erlebt in seinem Alltag zwei Lager. Die einen finden das ganze Thema Vielfalt zu viel und kommen damit nicht klar. Die anderen sagen, es gebe nur zwei Geschlechter und damit sei Schluss. Dazwischen stehen die Menschen, um die es eigentlich geht, und die selten gefragt werden.
Was er sich wünscht, ist Aufklärung und Sensibilisierung. Er sagt einen Satz, der lange nachhallt:
Keiner von uns geht diesen Weg, weil er ihm Spaß macht. Wir gehen ihn, weil der Leidensdruck so groß ist, dass es sonst nicht mehr weitergeht.
Erik
Er erzählt von Operationen, von Narben, von langen Regenerationszeiten. Nichts davon nimmt jemand auf sich, weil er es schön findet. Und am Ende, sagt Erik, ändert sich als Mensch ohnehin nichts. Durch seine Adern fließt dasselbe Blut, sein Charakter ist derselbe. Was sich ändert, ist die Ausstrahlung, weil man sich endlich wohlfühlt.
Beim Thema Kindergarten und Schule widerspricht er dem Vorwurf der Frühsexualisierung deutlich. Bei trans sein gehe es um Identität, nicht um gelebte Sexualität. Ein Kindergarten und eine Schulklasse seien ein Spiegel der Gesellschaft, und Kindern zu zeigen, dass es draußen genauso vielfältig zugeht wie bei ihnen im Raum, habe mit Sexualisierung nichts zu tun.
Und dann kommt der Gedanke, der der Folge ihren Titel gegeben hat. Kinder, sagt Erik, sind viel entspannter als wir. Ein Kind fragt einfach, warum jemand anders aussieht, bekommt eine Antwort, sagt okay und spielt weiter. Haken dran. Erwachsene machen ein Fass auf, wo Kinder nur wissen wollten.
Die letzte liebe Sache, die er zu sich gesagt hat
Diese Frage bringt Erik ins Stocken. Er muss lange überlegen und sagt selbst, dass das ein Moment ist, der einem zeigt, dass man so etwas öfter machen sollte.
Dann erzählt er von seinem Badezimmerspiegel. Er hatte sich kleine Zettel hineingeklebt, Sätze, die den Tag ein bisschen besser machen sollen. Der letzte, den er sich laut vorgesprochen hat, war:
Ich bin liebenswert, genauso wie ich bin, und das ist gut so.
Erik
Was die Welt besser machen würde
Erik fängt klein an. Nicht nur auf sich schauen, sondern auch mal nach rechts und links. Ein Ohr haben für andere Geschichten und andere Realitäten, damit Barrieren abgebaut werden und Verständnis entsteht.
Er sagt, daran hängt für ihn auch Frieden. Wenn Menschen diskutieren können, ohne sich an die Gurgel zu gehen, ist das im Kleinen schon Frieden. Und wenn viele damit anfangen, wird es irgendwann groß genug.
Wütend macht ihn der Hass in der Gesellschaft, auf die Politik, auf Menschengruppen, auf ganze Länder. Dazu zitiert er den Dalai Lama: In der Wut verliert der Mensch seine Intelligenz. Er sagt, das sehe man jeden Tag aufs Neue in den Nachrichten.
Eine Videokamera mit Spiegelfunktion
Gefragt, welches Produkt er im Schaufenster wäre, überlegt Erik kurz und entscheidet sich für eine Videokamera. Nicht wegen der Technik, sondern wegen des Monitors daneben. Dann wäre er ein Spiegel für alle, die davorstehen.
Und wenn ihn jemand kauft, wäre er unterwegs und würde viele Momente festhalten, die wertvoll sein können. Wir sind im Gespräch dabei geblieben, dass Menschen ohnehin oft Spiegel füreinander sind. Erik sagt, er merkt das bei seinem Kind, das erst schaut, wie die Eltern reagieren, und es dann spiegelt.
Sein Museum
Wenn sein Leben ein Museum wäre, dann läge dort ein Buch mit seiner Lebensgeschichte. Daneben viele Fotos von Urlauben mit seiner Frau, von seinem Kind, von den Menschen, die er Herzensmenschen nennt. Etwas Buddhistisches wäre dabei, denn er ist buddhistisch unterwegs. Und seine Laufschuhe, weil Sport seine Leidenschaft ist.
Die Menschen aus der Zeit im Krankenhaus wären auch darin. Was als kleiner Kreis anfing, ist so groß geworden, dass die Operation selbst am Ende fast keine Rolle mehr gespielt hat.
Was er seinem jüngeren Ich fühlen lassen würde
Dass es vollkommen okay ist, anders zu sein. Dass man nicht mit der Masse mitschwimmen muss und dass es sich lohnt, gegen den Strom zu schwimmen, auch wenn es weh tut.
Wer sich das nicht traut, bekommt von Erik einen klaren Satz mit. Viele haben Angst, Menschen zu verlieren, wenn sie aus der Masse herausstechen.
Es werden nie alle verschwinden. Es bleiben immer Leute, die dich begleiten. Nimm deinen Mut zusammen, es wird sich lohnen.
Erik
Und der Sinn des Lebens
Für Erik heißt das zweierlei. So leben zu können, wie man möchte. Und durch das eigene Sein das Leben wertvoll zu machen und die Welt damit ein kleines Stückchen besser.
Über den Gast
Erik teilt seinen Weg auf Instagram.
Instagram: @timetobeerik
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Weitere Folgen
29. September 2026„Disziplin formt ein einfacheres Leben“ – Ecilio über Natur, Mut und den Weg zu sich selbst
22. September 2026„Ich muss nicht jemand anderes sein, damit ich geliebt werde“ – Michèle über Bücher, die Badewanne und den Weg zu sich selbst
15. September 2026„So viel kann man nicht trinken“ – Katharina Thibus über Sucht, Selbstwert und den Mut, alles zu ändern