Zum Hauptinhalt springen

Tiefer als Worte

Ersen und ich kannten uns vor dieser Folge nicht. Ein bisschen Hin und Her auf Instagram, mehr nicht. Er macht selbst einen Podcast, Spotlight, ursprünglich über Filme, inzwischen vor allem über Menschen.

Warum ausgerechnet Rocky

Ersen ist Kind von Gastarbeitern, aufgewachsen in Flensburg. Sechs Leute zu Hause, und trotzdem beschreibt er die Zeit als abgekapselt. Was ihn abgeholt hat, waren Filme. Da konnte er eintauchen, und da hat er, wie er sagt, auch vieles aufarbeiten können.

Auf die Frage nach dem Lieblingsfilm kommt Rocky. Seine Begründung: ein Underdog, der sich durchkämpft. Einer, der gesehen und geliebt werden will. Einer, der vernachlässigt wurde. Er sagt das über einen Film von 1976, aber er sagt es nicht nur über den Film.

Als die Finger anfingen zu zeigen

Bis vierzehn, fünfzehn war die Kindheit unbeschwert. Kein Zwang zu Hause, alle Wege offen. Er ist auf jeden zugegangen. Dann kamen die Leute und zeigten mit dem Finger. Auf einmal musste er sich rechtfertigen für etwas, das er sich nicht ausgesucht hatte. Ein rassistisches Schimpfwort hat er in seinem Leben oft gehört.

Ich hatte immer das Gefühl, ich hätte irgendwas falsch gemacht, obwohl ich gar nichts falsch gemacht hatte.

Ersen

Heute, sagt er, kann er unterscheiden: Betrifft mich das wirklich, oder ist das die Projektion von jemand anderem? Als Kind geht das nicht. Kinder wollen Frieden und Freude, und dass etwas von außen kommt, können sie gar nicht einordnen.

Dazu hat er ein Bild, das mir hängen geblieben ist. Der Hai und der Delfin. Der eine sieht gefährlich aus, der andere freundlich, und beide tun einfach, was in ihrer Natur liegt. Gut und böse sind zu einem großen Teil Wahrnehmung. Du kannst etwas als gut empfinden, was ich als böse empfinde.

Der Satz seines Vaters

Ich frage jeden Gast nach dem wertvollsten Satz, den er je gehört hat. Bei Ersen ist es ein türkisches Sprichwort, das sein Vater immer gesagt hat.

Sei Mensch und kein Unmensch.

Der Vater von Ersen

Und direkt hinterher der Satz, bei dem es im Gespräch kurz still wurde:

Mit einem Wort kannst du ein Herz brechen. Und es braucht vielleicht eine Million Worte, um es wieder zu gewinnen.

Der Vater von Ersen

Passend dazu seine Antwort auf die Frage, was er mit der ganzen Welt teilen würde, wenn er eine Sache auswählen dürfte: Frieden.

Das größte Geschenk

Auf die Frage nach dem größten Geschenk, das er sich selbst gemacht hat, kommt keine Sache, sondern eine Einsicht: dass man sich zuerst selbst lieben sollte. Er sagt offen dazu, dass er das viele Jahre vernachlässigt hat, immer an andere gedacht hat, und dass es ein langer Prozess war.

Am stärksten fand ich seine Antwort auf die Frage, wann er sich zuletzt wirklich in die eigenen Augen geschaut hat. Er war wütend, an einem Wendepunkt, kurz davor abzudriften. Dann hat er sich zusammengerafft, in den Spiegel geschaut und sich wieder hochgekämpft.

Vielleicht sollten wir das alle öfter tun. Die längste Beziehung, die du führst, ist die mit dir selbst.


Über den Gast

Ersen ist Filmliebhaber und macht den Podcast Spotlight.

Alle seine Kanäle: Zu seinen Kontaktdaten

Die Folge anhören

Spotify: Folge auf Spotify hören
Apple Podcasts: Folge auf Apple Podcasts hören
YouTube: Folge auf YouTube ansehen

Weitere Folgen