Julia ist 30, Mutter von zwei Kindern und seit einem halben Jahr in der Ausbildung zur Körperarbeit. Wir kannten uns vorher nicht. Die Verbindung läuft über ihre Mama.
Es ist eine ruhige Folge geworden. Und eine, in der ein Satz fällt, den sie vorher noch nie laut gesagt hat.
Was Körperarbeit bei ihr heißt
Die Menschen, die zu ihr kommen, haben Stress im Alltag, sind überfordert, oder sie sind viel im Kopf und wollen sich selbst besser kennenlernen. Sie geht mit ihnen über angeleitete Übungen in die Selbstwahrnehmung. Danach folgt eine intuitive Berührung.
Dann stelle ich mich auf den Menschen ein, der da vor mir ist, und gehe ganz nach Gefühl an die Orte, die mich dahin ziehen.
Julia
Auf die Frage, was „tiefer als Worte“ für sie bedeutet, kam sofort: Berührung. Nicht nur körperlich, sondern auch durch Worte und durch Resonanz.
Wer bist du, wenn niemand zuschaut?
Ihre Antwort kam nach einer langen Pause: eine wilde und sanfte und verspielte und mitfühlende Seele, die umhertanzt.
Beim Einkaufen zeigt sie die nicht. Im normalen Job auch nicht, da gibt es Erwartungen. Bei ihren Kindern schon. Die kennen sie laut und leise, so wie sie gerade da ist.
In der Körperarbeit geht es gar nicht anders:
In echten Kontakt gehen mit einer Maske, das ist dann gespielt.
Julia
Der Satz, den sie noch nie laut gesagt hat
Vor dem Gespräch hat sie ihre Notizen gelesen, aufgeschrieben vor dreieinhalb Wochen: wo sie in zwei Monaten sein möchte. Da stand ein Satz, den sie bis dahin nie ausgesprochen hatte.
Ich glaube an mich.
Julia
Sie hat ihn hier zum ersten Mal gesagt. Dazu gehört für sie auch, die eigenen Erfolge zu würdigen. Mal zurückzuschauen und zu sehen, was man aus eigener Kraft geschafft hat, statt es auszublenden.
Der innere Richter
Ihr größtes Geschenk an sich selbst: sich liebevoll zu begegnen und aufzuhören, sich zu verurteilen.
Den inneren Richter haben wir alle, sagt sie. Zum Teil vom Elternhaus geformt, zum Teil von der Gesellschaft. Sei still, sei angepasst, sei brav. Ihn überhaupt zu erkennen, war der erste Schritt. Sich mit ihm anzufreunden der zweite.
Ein Buch hat sie an der Oberfläche darauf gebracht, „Die Befreiung vom inneren Richter“. Tiefer ging es erst über die Arbeit im Körper: lange Meditationen, Atemarbeit. Da hat sie gemerkt, dass die Verurteilung aus einer großen Verletzung kommt.
Angst ist ein Schutz. Was liegt darunter?
Mit elf hat ein Hund sie im Vorbeilaufen in die Hüfte geschnappt. Keine äußere Verletzung, aber das Gehirn machte schnell daraus: jeder Hund ist gefährlich.
Heute hat sie diese Angst nicht mehr. Gemerkt hat sie es nebenbei. Jemand fragte an der Tür „Angst vorm Hund?“, und sie sagte einfach nein. Erst danach wurde ihr bewusst, dass sie das ein Jahr vorher nicht hätte sagen können.
Ihr Punkt dabei ist der interessante:
Die meisten Ängste sind ja auch ein Schutz vor etwas. Wenn wir auf dieser ersten Ebene festhängen, im Kopf, da kann sich viel drehen, nur wenig lösen.
Julia
„Nur wenn du lieb bist“
Was sie betroffen macht: Sie hat in der Stadt gehört, wie eine Mutter zu ihrer Tochter sagte, sei still und sei lieb, nur dann gibt es ein Eis.
Sie verurteilt die Mutter nicht. Wer weiß, was für einen Tag die hatte, und gelernt hat sie es auch so. Aber genau so entstehen Glaubenssätze.
Ihr Wunsch: mehr Bewusstsein dafür, angefangen in der Schule. Ein Unterrichtsfach für soziale Kompetenz. Oder für Gefühle: was es für welche gibt und wie man sie ausdrückt.
Sie ist ehrlich, dass sie es selbst nicht immer schafft. Wichtig ist ihr, was danach kommt. Sie geht in neun von zehn Fällen zu ihrem Sohn und sagt, dass es nicht in Ordnung war, so laut zu werden. Kinder dürfen sehen, dass wir Fehler machen.
Der Funke
Auf die Frage nach ihren drei wertvollsten Dingen: ihre Kinder, ihr Blick auf die Welt. Und ein Ort, den sie in sich entdeckt hat.
Ich habe in mir einen Ort entdeckt, der unverletzt ist. Ich nenne es meinen Funken, und der ist ganz voller Liebe.
Julia
Ihr Museum wäre ein großer Raum mit vielen kleinen Räumen, in der Mitte brennt dieser Funke. Sie denkt in Filmen, sagt sie, und in den Räumen liefen die kleinen Filmchen.
Und was sie ihr jüngeres Ich nicht erklären, sondern fühlen lassen würde: dass es diesen Funken gibt, und dass er immer da ist.
Der Sinn des Lebens
Das Leben zu leben, mit allem, was dazugehört.
Julia
Ob etwas Höhe oder Tiefe ist, bewerten wir ohnehin selbst. Es einfach fließen lassen.
Über den Gast
Julia macht Körperarbeit und ist Mutter von zwei Kindern.
Instagram: @juliasbodywork
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