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Tiefer als Worte

Justus und ich kennen uns seit fünf Jahren. Anfang 2021 haben wir schon einmal ein Interview gemacht, damals auf YouTube und in zwei Teilen. Das war durchgeplant. Diesmal war es das Gegenteil: keine Absprache, keine Vorbereitung, einfach Fragen. Und das Verrückte ist, dass wir uns bis heute nie persönlich getroffen haben.

Justus macht seit 2014 Social Media. Er hat sich Mitte 2019 geoutet, seinen Therapieplatz gefunden, im April 2020 mit Testosteron angefangen und 2021 seine Operation gehabt. Seit ungefähr zwei Jahren ist er, wie er es nennt, in die Fitness-Bubble abgerutscht.

Dazwischen lag eine Pause vom Trans-Content. Er hat dann bewusst wieder angefangen, obwohl der Themenwechsel ihn Reichweite gekostet hat.

Es gibt kaum Leute in dieser Fitness-Bubble, die dran sind. Und dann war ich so: wenn ich jetzt nicht, wann dann?

Justus

Was „tiefer als Worte“ für ihn bedeutet

Mit Worten kann man viel beschreiben. Aber wie man fühlt und wie man denkt, ist wesentlich intensiver und auch tiefer.

Justus

Wann er das letzte Mal authentisch war

Seine Antwort kommt ohne Nachdenken: eigentlich immer. Sein Argument dafür ist bemerkenswert praktisch. Man könnte sich rund um die Uhr gar nicht verstellen.

Ich glaube, mein Account ist einer der ehrlichsten, die es gibt. Wenn ich sage, ich hatte heute einen richtig schlechten Tag, oder ich habe einfach mal nichts gemacht, dann ist das auch okay. Und es gibt viele Leute, die das nicht zeigen.

Justus

Hundert Kilo auf der Beinpresse

Ich frage in fast jeder Folge, wann jemand das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht hat. Bei Justus war es die Woche, in der er zum ersten Mal hundert Kilo auf der Beinpresse bewegt hat. Rangetraut hatte er sich vorher nie, aus Angst um seine Knie.

Was er daraus mitnimmt, geht weit über das Gym hinaus.

Du schätzt dich oftmals richtig schlecht ein, obwohl du Sachen eigentlich wirklich gut machen könntest.

Justus

Sein Beispiel: Du fängst mit Social Media nicht an, weil du denkst, das interessiert sowieso keinen. Und genau mit dieser Einstellung wird es dann auch keinen interessieren.

Wer bist du, wenn niemand zuschaut?

Unter Leuten ist Justus offen, aufgedreht und fast immer gut gelaunt. Allein ist er jemand anderes.

Wenn ich allein bin, dann bin ich einfach mal still. Einfach mal Ruhe genießen, einfach mal nichts machen, an nichts denken.

Justus

Er sagt selbst dazu, dass das traurig klingt. Ich sehe das anders. Es gibt viele aufgedrehte Menschen, die in der Stille nicht still sein können, und in der Stille zu sitzen und die Gedanken ziehen zu lassen ist auch eine Form von Meditation.

Für Justus gehört dazu, über sich selbst nachzudenken. Habe ich das richtig gemacht, musste das jetzt sein, ist das in Ordnung so. Er ist ein harmoniebedürftiger Mensch und provoziert nicht, nur weil ihm etwas nicht passt.

Alles passiert aus einem Grund

Vor fünf Jahren hat er im Interview einen Satz gesagt, den ich mir aufgeschrieben habe. Sein Testosteron kam damals einen Monat später als geplant, und er war überzeugt, dass das seinen Grund hatte. Ich wollte wissen, ob er das heute noch genauso sieht.

Sehe ich noch exakt genauso. Egal ob etwas Schlechtes oder Positives passiert. Es passiert, weil es genau so sein soll.

Justus

Sein Beispiel: Du kannst nicht auf ein Konzert, und in dem Moment wärst du über eine Autobahn gefahren, auf der etwas passiert. Oder du hast Streit mit jemandem, und erst im Nachhinein findest du heraus, was diese Person hinter deinem Rücken gemacht hat. Und dann merkst du, dass es genau richtig war, dass es so gekommen ist.

Offiziell ist er gläubig, sagt er, vielleicht nicht so stark wie andere. Was er meint, geht eher in Richtung Schicksal.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das alles aus purem Zufall passiert.

Justus

Der zweite Satz von damals, den ich mir notiert hatte, steht ebenfalls noch.

Lass dir von niemandem sagen, was für dich richtig sein soll.

Justus

Dazu gehört für ihn auch eine klare Grenze. Sein früherer Name geht niemanden etwas an, und wer ihn wissen will, bekommt ihn trotzdem nicht.

Die Frage vom Gast davor

Justus ist der erste Gast, dem ich eine Frage gestellt habe, die sich der vorherige Gast für ihn ausgedacht hat: Was hast du über dich gelernt, das dir niemand hätte beibringen können?

Wie stark man selber eigentlich ist. Das ist nichts, was dir jemand von außen sagen kann. Wie stark du bist und was du schaffen kannst, bist immer du selbst.

Justus

Schmerz

Ein kurzer Moment in der Folge, der mir hängengeblieben ist. Die einen sagen nach einer Operation, es habe gar nicht wehgetan, die anderen sagen das Gegenteil.

Wenn du sagst, du hast Schmerzen, dann hast du Schmerzen. Punkt. Niemand hat das Recht, darüber zu urteilen.

Justus

Der wertvollste Satz

Auf die Frage nach dem wertvollsten Satz, den er je gehört hat, kommt zuerst der, um den sich die halbe Folge dreht: Alles passiert aus einem bestimmten Grund. Dann kommt ein zweiter.

Wenn du es nicht versuchst, kannst du es erst gar nicht schaffen.

Justus

Und er dreht den Gedanken noch einmal weiter: Manchmal ist es genau das Glück, dass ein Mensch aus deinem Leben verschwindet. Wenn ihr euch nicht sehen sollt, sagt er, dann könnt ihr Tür an Tür wohnen und werdet euch trotzdem nicht sehen.

Reichtum

Geld gehört für ihn dazu, aber es steht nicht vorn.

Viel wichtiger sind mir Familie, Freunde, eine gescheite Beziehung und Gesundheit. Man sagt immer, Geld macht nicht glücklich. Aber ohne Geld ist man auch nicht glücklich.

Justus

Eine gesunde Basis aus allem, sagt er. Du bist gesund, du kannst machen, was du möchtest, und du hast ein gutes Umfeld. Das wäre für ihn zehn von zehn.

Ist dein Körper heute Reichtum?

Auf jeden Fall mehr als früher.

Justus

Justus erzählt seinen Weg offen. Vor der Hormontherapie war er sehr dünn. Durch die Hormone und durch Essgewohnheiten, die nicht gepasst haben, kam dann einiges dazu. Danach hat er abgenommen, und seit einem halben Jahr baut er gezielt auf.

Was er dabei gelernt hat, ist der Punkt, den ich am wichtigsten finde: Dieselbe Zahl auf der Waage sieht völlig unterschiedlich aus, je nachdem was darunter liegt.

Ich habe früher unglaublich gerne verglichen. Der sieht so aus und wiegt dasselbe wie ich, warum sehe ich dann anders aus? Weil er viel mehr Muskelmasse hat. Und Muskelmasse ist schwer.

Justus

Sein Fazit daraus ist einfach: Vergleich dich nicht, weder bei Körpergröße noch bei Gewicht. Und er merkt heute weniger an Zahlen als am Gefühl, dass sich etwas verändert hat.

Disziplin schlägt Motivation

Ich wollte wissen, ob das alles geradlinig lief oder ob es Rückfälle gab. Seine Antwort ist unspektakulär und genau deshalb glaubwürdig.

Er hatte ein klares Bild davon, wie er später aussehen wollte, und hat danach gehandelt. Dazu gehört für ihn ausdrücklich, Pausen einzulegen.

Eine Diät ist Stress für den Körper. Du bist durchgehend angespannt und hast weniger Energie.

Justus

Weihnachten nennt er seine gefährliche Phase, weil er die Süßigkeiten so gern mag. Und dann sagt er einen Satz, den viele Menschen mit Essen brauchen könnten.

Ein Tag haut einen so oder so nicht raus.

Justus

Was sich am meisten verändert hat, ist sein Blick aufs Essen. Wenn man die Werte hinter dem kennt, was man isst, sieht man es anders. Er findet, das wäre ein gutes Schulfach. Gleichzeitig will er nichts verbieten.

Man sollte sich nicht alles verbieten. Aber man sollte auch nicht nach dem Motto leben, es ist ja eh alles egal.

Justus

Gesundheit ist für ihn ohnehin mehr als Essen. Bewegung gehört dazu, keine Schmerzen zu haben, und dass es im Kopf passt.

Was er heute als Luxus bezeichnen würde

Essen. Und zwar aus einem Grund, der erst mit dem eigenen Haushalt sichtbar wird.

Zu Hause bei den Eltern war immer etwas auf dem Tisch und im Kühlschrank. Heute weiß er, dass gesundes Essen für viele Menschen tatsächlich Luxus ist, und dass ungesundes Essen mancherorts schlicht günstiger ist. Menschen rutschen da nicht ohne Grund hinein.

Sein Gegenargument bleibt trotzdem stehen: Wer selbst kocht und auf die Portion herunterrechnet, liegt oft gar nicht so hoch, wie er denkt.

Was die Welt zu einem besseren Ort machen würde

Wenn Menschen anfangen würden, nicht so viel nach rechts und links zu gucken.

Justus

Viel zu viele richten sich danach, was alle anderen machen, oder danach, wem sie gefallen wollen. Sein Maßstab ist ein anderer: Man sollte das machen, womit man am Ende selbst zufrieden ist.

Wenn dich dein Beruf überhaupt nicht erfüllt und du jeden Tag denkst, jetzt schon wieder, dann machst du etwas falsch.

Justus

Wie er zu seinem Beruf gekommen ist

Die Geschichte dahinter ist besser als jeder Lebenslauf. Justus hat sein Abitur gemacht, nach eigener Aussage kein besonders gutes, und eigentlich wollte er schon vorher abgehen. Jemand in seinem Umfeld hat darauf bestanden, dass er es zu Ende bringt.

In der Oberstufe hatte er einen Chemiekurs mit vielen Experimenten. Überragend war er darin nicht, aber es hat ihm Spaß gemacht. Als er sich dann durch Berufslisten geklickt hat, ist er auf Chemikant gestoßen. Büro kam für ihn nicht infrage, Elektronikhandel oder Verkauf hätte er sich auch vorstellen können.

Dann kommt der Teil, den er selbst am lustigsten findet: Er hat sich beworben, ohne zu wissen, was dieser Beruf eigentlich ist. Im Vorstellungsgespräch wurde er gefragt, warum er das machen möchte.

Ich möchte nicht im Labor sitzen. Ich möchte etwas draußen machen, ich möchte körperlich tätig sein.

Justus

Er wurde genommen. Heute arbeitet er in der Produktion, seine Firma ist auf Recycling spezialisiert und holt Edelmetalle aus Material zurück. Und er sagt, es passt genau, er macht seine Arbeit gerne.

Was ihn wütend macht

Wie viele Menschen andere für irgendetwas bewerten. Den Leuten würde es mal guttun, ein paar Löffel Empathie zu essen.

Justus

Er hat den Eindruck, dass viele gar nicht merken, wenn sie jemanden verletzen, und dass es online noch schlimmer ist als im echten Leben. Was es bräuchte, ist für ihn simpel: Verständnis.

Wenn du etwas sagst, was mich verletzt, weil es dich nicht verletzen würde, kannst du mich trotzdem verletzen. Es sind meine Gefühle und nicht deine.

Justus

Die Superkraft

Als Kind hätte er ohne Zögern unsichtbar gesagt, weil er gern Leute ärgert. Heute geht seine Antwort tiefer.

Sich in jeden Menschen hineinversetzen zu können. Dass du genau weißt, was du in dem Moment sagen kannst und was nicht.

Justus

Ich habe ihm erzählt, dass mir jemand darauf einmal geantwortet hat, ob ich das wirklich will, weil man dann ständig die Gedanken anderer Menschen mit sich herumträgt. Justus lässt beides stehen. Am Ende ist es Empathie, und die lässt sich mit Erfahrung ein Stück weit lernen.

Ein richtig cooler Schuh

Auf die Frage, welches Produkt im Schaufenster er wäre, stellt er sich zuerst eine Schaufensterpuppe vor, die genauso aussieht wie er. Dann kommt die eigentliche Antwort: ein Paar Schuhe. Richtig fancy, so, dass jeder sie gern hätte. Nicht günstig, aber auch nicht teuer.

Und wenn man kurz darüber nachdenkt, passt das zu ihm. Ein Schuh ist überall dabei, an jedem Ort, oft als stiller Betrachter.

Wenn sein Leben ein Museum wäre

Was stünde heute schon darin? Zuerst nennt er die Weisheiten, die er unterwegs mitgenommen hat. Dann persönliche Gegenstände: seine erste Kamera, das erste Paar Schuhe, das er sich selbst gekauft hat.

Und vor allem Fotos.

Ich halte so gerne so viel fest, damit ich später sagen kann: ich habe das und das gemacht. Und du vergisst es dann auch nicht mehr.

Justus

Er nennt dabei auch die Momente, die für ihn den größten Einschnitt bedeuten: der Tag, an dem er das erste Mal Testosteron genommen hat, und der Moment, in dem er zum ersten Mal das Ergebnis seiner Operation gesehen hat.

Dazu, und da musste ich lachen, seine Arbeitskleidung. Kein weißer Kittel, wie ich vermutet hatte, sondern graue Schutzkleidung, an der alles abperlt, samt Helm.

Der Sinn des Lebens

Alles zu machen, worauf du Lust hast, woran du Spaß hast, was dich glücklich macht.

Justus

Menschen sind sehr gut darin, Dinge auf später zu schieben, sagt er. Und wenn es nicht so läuft wie geplant, lernt man daraus und macht es beim nächsten Mal besser.

Du musst zurückblicken können, ohne zu denken: hätte ich das mal gemacht.

Justus

Über den Gast

Justus macht seit 2014 Social Media und hat dort seine Transition öffentlich begleitet. Seit einigen Jahren liegt sein Schwerpunkt auf Fitness und Training, ohne dass er das andere Thema aufgegeben hätte. Hauptberuflich ist er Chemikant.

Instagram: @justus.andre
TikTok: @justagymfluencer
YouTube: Teil 1 vom ersten Interview mit Justus damals

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