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Tiefer als Worte

Vor ungefähr zwei Jahren bin ich in Metzingen zufällig an einem Laden vorbeigelaufen. Ich bin stehen geblieben, bin hineingegangen und dachte sofort: was für ein toller Laden. Daraus ist ein Gespräch geworden und aus dem Gespräch eine Bekanntschaft, die mir viel bedeutet. Manu hat mir später meine allererste Lesung ermöglicht.

Manuela Rudolph, von allen Manu genannt, hat eine kleine Kaffeerösterei in Metzingen, in der man auch Kaffee trinken kann. Sie röstet selbst, und wenn man Glück hat, kann man ihr dabei zusehen. Sie lebt in Metzingen und hat zwei Katzen.

Was „tiefer als Worte“ für sie bedeutet

Worte sind nicht nur Worte. Worte haben unheimlich viel Macht.

Manuela Rudolph

Man kann sie positiv nutzen, sagt sie, und das passiert viel zu selten. Und man kann sie so nutzen, dass sie verletzen, bewusst oder unbewusst. Beides geht tiefer als die Worte selbst.

Wenn du einem Menschen etwas Schönes sagst, kann das seinen Tag tragen, seine Woche, oder es bleibt Jahre später noch da. Umgekehrt funktioniert es leider genauso.

Manuela Rudolph

Der Mann am Bahnhof in Yokohama

Ich wollte wissen, ob ein völlig fremder Mensch einen so in der Tiefe berühren kann. Manu muss nicht überlegen. Ja, das ist ihr passiert.

Sie reist sehr gern, um Menschen und Kulturen kennenzulernen, und es gab schon viele Begegnungen, in denen jemand etwas Aufbauendes gesagt hat, obwohl man sich kaum verständigen konnte. Eine trägt sie bis heute mit sich: ein älterer Mann am Bahnhof in Yokohama, der sie einfach angesprochen und ihr gesagt hat, wie er sie von außen wahrnimmt.

An diese Sätze denkt sie, wenn sie unsicher ist oder eine schlechte Phase hat.

Warum Japan

Japan fand sie schon immer faszinierend. Dazu kam, dass ihre Cousine vierzehn Jahre dort gelebt hat, mit einem Japaner verheiratet, und Manu immer wieder eingeladen hat. Getraut hat sie sich lange nicht. Anfang 2016 hat sie dann einfach nach Flügen geschaut und direkt gebucht.

Auf dem Flug musste sie mehrfach in eine Tüte atmen.

Was sie nicht bedacht hatte: Sobald man aus den Großstädten heraus ist, steht nichts mehr auf Englisch. Die ersten Tage waren entsprechend verunsichernd. Und sie hat dabei etwas verstanden, das sie bis heute beschäftigt.

Du siehst ein Apothekenzeichen, ein Café, irgendetwas. Dinge, die wir gar nicht bewusst wahrnehmen, die uns aber Sicherheit geben. Das war auf einmal völlig weg.

Manuela Rudolph

Danach wurde es sehr, sehr entspannend.

Die Koordinaten

Der Mann ihrer Cousine hatte ihr vor der Reise die Koordinaten des Zuhauses ins Handy getippt und gesagt: Egal was passiert, egal wo du bist, du zeigst den Leuten die Koordinaten.

Sie hat das damals belächelt. Es hat die ganze Reise über funktioniert.

Der eine Japaner, mit dem du losläufst, hält den nächsten an und erklärt ihm die Situation. Ich bin immer in dem Zugabteil gelandet, in dem ich sein musste, und sie haben gewartet, bis der Zug losgefahren ist. Menschen, die du überhaupt nicht kennst.

Manuela Rudolph

Der Zeichenblock

Ab dem vierten Tag hatte sie einen Zeichenblock dabei. Übersetzungs-Apps waren damals noch nicht zuverlässig, also hat sie gezeichnet. Wenn sie den Bahnhof suchte, hat sie einen Zug gemalt und ihn den Leuten gezeigt.

Es hat funktioniert.

Ihre Beobachtung nebenbei: Viele Menschen in Japan können Englisch, man darf sie nur nicht direkt danach fragen. Dann geraten sie in eine Art Schockmodus oder denken, sie könnten es nicht gut genug. In Deutschland sei das genauso.

Was Japan mit ihr gemacht hat

Es ging ihr zu der Zeit sehr schlecht. 2015 lagen eine Trennung und eine Scheidung hinter ihr, dazu ein Umzug mit dem Laden. Ein Jahr, das an ihr gezehrt hat.

Japan hat mir Freiheit und Selbstbewusstsein zurückgegeben.

Manuela Rudolph

Sie war allein unterwegs, konnte sich nicht wirklich verständigen, und jeden Tag kam das Gefühl dazu: geht doch. Im Notfall hatte sie ja die Koordinaten. Was daraus geblieben ist, ist ein Satz, der ihr ganzes Verhältnis zu Menschen beschreibt.

Du musst dich nicht verständigen können, um mit Menschen klarzukommen. Im Gegenteil.

Manuela Rudolph

Drei Tage Warschau mit einem Mini-Rucksack

Was sie zuletzt zum ersten Mal gemacht hat: kurzfristig über eine Billig-Airline einen Flug gebucht, mit einem Mini-Rucksack, und losgeflogen. Nach Warschau, wo sie nie hinwollte und nie darüber nachgedacht hatte.

Drei Tage, ein paar T-Shirts, sonst nichts. Sich so herunterzuleveln fand sie interessant, weil man ohnehin immer viel zu viel mit sich herumschleppt. Und die Stadt hat sie begeistert, gerade weil sie überhaupt keine Erwartung hatte.

Wie man einen Laden und das Reisen zusammenbringt

Ich habe Manu gefragt, wie sie das eigentlich managt. Ihre Antwort ist ehrlich: schwierig.

Weil sie den Kaffee selbst produziert, reicht es nicht, wenn jemand da ist, der verkauft. Vor Japan musste sie für drei Wochen vorarbeiten, und als sie zurückkam, war alles ausverkauft und die Tage danach entsprechend lang. Einmal im Jahr macht sie den Laden im Sommer für zwei Wochen zu. Alles andere sind heute Kurztrips.

Was sie loswerden wollte

Die Menschheit braucht viel mehr von dieser Neugier, dieser bisschen Naivität, die wir als Kind hatten.

Manuela Rudolph

Erinnert euch daran, sagt sie. Fühlt das wieder. Zum ersten Mal etwas zu sehen, diese Begeisterungsfähigkeit von Kindern.

Als Erwachsener hat man Verantwortung, muss verdienen, muss sich um vieles kümmern, und dabei geht der Blick für Kleinigkeiten verloren. Für eine Sonnenblume am Straßenrand. Für eine Blume, die aus dem Asphalt wächst.

Die Seifenblasen

Manu hat immer eine Packung Seifenblasen dabei. Im Auto, in der Handtasche, immer. Und wenn sie irgendwo steht, am Bahnhof oder auch mal im Supermarkt, fängt sie an.

Die Menschen schauen sie erst völlig irritiert an, was sie gewohnt ist. Und dann sieht sie, wie der erste Erwachsene einer Seifenblase hinterherschaut und anfängt zu lächeln.

Es gibt nichts, was Seifenblasen nicht reparieren können, im kurzen Moment der Traurigkeit.

Manuela Rudolph

Reichtum

Die Freiheit zu haben, ich selbst zu sein. Die Freiheit, jeden Morgen wählen zu können.

Manuela Rudolph

Man denkt so oft, man müsse dieses und jenes, sagt sie. Muss man nicht. Es hat Konsequenzen, aber die Freiheit ist trotzdem da. Einen Wochenendtrip machen. Mit dem Auto irgendwohin fahren.

Der New-York-Vibe

Druck kennt sie trotzdem. Ein eigenes Unternehmen ist nicht von neun bis fünf, sondern rund um die Uhr, zumindest im Kopf, und es ist leicht, in diese Schiene zu rutschen.

Dagegen hat sie ein Gegenmittel, und das stammt aus New York. Sie hatte sich gleich am Anfang verlaufen, mitten im Trubel an der Wall Street. Einer der Banker ist stehen geblieben und hat ihr zehn Minuten lang erklärt, wie Manhattan aufgebaut ist. Verlaufen hat sie sich danach nicht mehr.

Nutz die U-Bahn, denn du bist diese Woche New Yorkerin. Du bist es, wenn du das im Herzen trägst.

Ein Passant in New York

Wenn sie heute merkt, dass sie grummelig wird, denkt sie daran. Alles ist möglich, atme.

Die drei wertvollsten Dinge

Ihr Leben. Ihre Familie. Und Optimismus.

Den letzten Punkt hatte vor ihr noch kein Gast genannt. Sie beschreibt ihn selbst mit einem Grinsen als penetranten, fast widerlichen Optimismus, manche nennen es inzwischen Galgenhumor. Gemeint ist ausdrücklich nicht der blinde Optimismus, der in Aktionismus umschlägt.

Woher der kommt, erzählt sie im nächsten Satz.

Zwanzig Prozent

2009 und 2010 war Manu schwer krank. Fast sechs Monate lag sie im Krankenhaus und musste sich zurückkämpfen.

Ich glaube, wenn ich diesen Optimismus nicht gehabt hätte, wäre ich aus dem Krankenbett nicht rausgekommen.

Manuela Rudolph

Ihre Methode beschreibt sie ganz konkret: Sie betrachtet eine Sache von allen Seiten, bis sie irgendetwas Positives darin findet, und an dem hält sie sich fest.

Auch wenn es bloß dieses kleine eine Prozent Positives ist, versuche ich das in meinen Gedanken so groß zu machen, dass die neunundneunzig Prozent mich nicht mehr so runterziehen können.

Manuela Rudolph

Und dann sagt sie den Satz, der der ganzen Folge ihren Titel gibt.

Ich hatte damals eine Überlebenschance von den Ärzten von zwanzig Prozent bekommen. Die habe ich auch voll genutzt.

Manuela Rudolph

Was danach kam

An dieser Stelle wird sie sehr ehrlich, und das ist etwas, das man selten hört. Wer etwas sehr Schwieriges überlebt, sagt sie, hat danach erst einmal gar keinen Lebensmut. Alle denken, man freue sich. Das Gegenteil ist der Fall.

Jeder von uns weiß, dass es endlich ist und dass du sterblich bist. Aber wissen und spüren sind unterschiedliche Dinge.

Manuela Rudolph

Man hinterfragt auf einmal alles. Warum mache ich das, ich werde ja ohnehin sterben. Das hat sie bei vielen Menschen beobachtet, die schwer krank waren.

Und dann kommt, nach einer Weile, die Antwort.

Ich lebe, weil ich das kann. Ich lebe, damit ich den Flieder riechen kann. Ich lebe, damit ich hier die Straße runtergehe und zu irgendjemandem guten Morgen sage und der mich anlächelt. Dafür lebe ich.

Manuela Rudolph

Eine kleine Mission im Leben zu finden, nennt sie das.

Wen sie in ihr Leben lässt

Wer so etwas hinter sich hat, wählt bewusster aus. Bei Manu haben Menschen, die lügen oder ständig nur negativ reden, keinen Platz mehr.

Die Leute dürfen da sein, die dürfen auch lügen, das ist vollkommen okay für mich. Aber ich drehe mich dann um und gehe.

Manuela Rudolph

Was die Welt zu einem besseren Ort machen würde

Wieder die Neugier und die Begeisterungsfähigkeit. Und der Blick darauf, was uns verbindet, statt auf das, was uns unterscheidet.

Dann kommt ein Gedanke, den ich so noch nie gehört habe.

Menschen, die hassen, tun mir unheimlich leid, weil das so anstrengend ist. Hass musst du befeuern, du musst einen Grund finden und ihn am Leben halten. Liebe ist einfach da. Liebe musst du bloß zulassen.

Manuela Rudolph

Ganz praktisch heißt das für sie: hilfsbereit sein. In Metzingen sieht sie ständig Menschen, die mit dem Handy in der Hand ratlos herumstehen, weil sie nicht wissen, in welche Richtung sie müssen. Sie sieht darin immer sich selbst.

Wenn dieser Mensch jemanden anspricht und der lässt ihn abblitzen, ist das eine negative Verknüpfung, die nicht sein müsste. Und viele trauen sich nicht einmal zu fragen. Genau dann lohnt es sich, von sich aus zu fragen, ob man helfen kann.

Die Frage vom Gast davor

Jeder Gast hinterlässt eine Frage für den nächsten. Diese hier lautete: Wenn du losgelöst von Zeit und Geld aussuchen könntest, was du im Leben machst, was wäre es?

Reisen. Ohne Zögern. Weil sie neugierig ist und so viel wie möglich sehen und verstehen will. Costa Rica steht ganz oben, Island auch.

Und wenn es wirklich völlig frei wäre, ohne Raum und Zeit, dann würde sie sich für eine Astronautenmission melden. Sie sagt das mit einem Lachen, aber sie meint es ernst.

Wo sie eher nicht hinmuss: hohe Berge. Beim Hochklettern denkt sie die ganze Zeit daran, dass sie da auch wieder runter muss.

Eine Box mit einem Clown

Auf die Frage, welches Produkt im Schaufenster sie wäre, dachte ich ehrlich gesagt, sie würde Kaffeebohne sagen. Ihre Antwort war besser.

Eine von diesen Boxen, an denen man dreht und aus denen dann ein Clown herausspringt. In einem Schaufenster voller solcher Sachen. Und kaufen soll sie jeder, sagt sie, aber als Geschenk für jemand anderen.

Mit Tieren reden

Ihre Wunsch-Superkraft. Zuerst natürlich mit ihren eigenen Katzen. Der Kater ist der liebe und etwas tollpatschige. Frida ist die Kriegerin, draußen unterwegs wie eine Wildkatze, und wenn Manu ein paar Tage weg ist, bekommt sie kein Mensch zu Gesicht.

Bis Frida sich überhaupt anfassen ließ, hat es ein halbes Jahr gedauert. Heute ist sie bei Manu superkuschelig.

Wenn ihr Leben ein Museum wäre

Was stünde heute schon darin? Manu legt los, als hätte sie es sich längst überlegt.

Ein Sternensystem, wie man es früher in der Schule gebaut hat. Ihr Kaffeeröster, den sie Emma nennt und über alles liebt. Eine Zuckerwattenmaschine. Eine Theaterbühne. Und ein eigener Raum, den man betreten kann und in dem alles weich und bunt ist.

Ein Raum, in dem dein Herz mit Wärme und Liebe gefüllt wird.

Manuela Rudolph

Eine Sache hätte sie fast vergessen, und ohne die findet man das Museum gar nicht erst: Lichterketten. Schon auf dem Boden davor. Dazu Sonnenbrillen am Eingang und überall Katzengrafiken.

Was sie damit sagen will, sagt sie selbst am besten: Sie möchte etwas hinterlassen, das Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

Ihr glücklichster Tag

Früh aufstehen. Sie mag es, wenn der Tag gerade erst anfängt. Dann die Nachrichten checken, und der Tag wäre genau dann der glücklichste, wenn keine schlechten dabei sind. Danach noch begeisterter als sonst in den Laden.

Was es bräuchte, ist für sie einfach: die Gewissheit, dass es positiv weitergeht, für alle. Sie ist Star-Trek-Fan und sagt dazu, es könnten meinetwegen auch die Vulkanier sein, die endlich landen.

Und der Satz, den sie sich abends sagen würde?

Danke. Punkt. Ausrufezeichen.

Manuela Rudolph

Der wertvollste Satz und der Sinn des Lebens

Deine Gedanken formen deine Realität.

Manuela Rudolph

Sie sagt, dieser Satz beschäftige sie fast jeden Tag, weil er so selbsterfüllend ist.

Und der Sinn des Lebens?

Glücklich zu sein. Und im Bestreben zu sein, dass es diesem Planeten und jedem Lebewesen darauf genauso gut geht. Dass jeder seine Möglichkeit auf Glück hat. Und wenn man von diesem Planeten geht, dass du das Leben für ein paar Menschen schöner gemacht hast, und wenn es bloß ein paar Tage waren.

Manuela Rudolph

Über den Gast

Manuela Rudolph betreibt eine kleine Kaffeerösterei in Metzingen, in der man ihren Kaffee auch vor Ort trinken kann. Sie röstet selbst, reist, so oft es der Laden zulässt, und hat immer Seifenblasen dabei. Anschreiben darf man sie, sie freut sich über schöne Worte.

Instagram: @queenofbean
Website: kaffeeroesterei-rudolph.de

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