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Tiefer als Worte

Marcus und ich kennen uns kaum. Vor etwa einem halben Jahr sind wir uns auf einer Veranstaltung begegnet. Er stand auf der Bühne, ich war als Fotograf unterwegs und konnte seinem Vortrag nicht wirklich folgen. Aufgefallen ist mir etwas ganz anderes: Als er sich am Abend verabschiedet hat, hat er eine Wärme hinterlassen. Ich wusste nicht einmal, wer er ist, und es ist trotzdem hängengeblieben.

Marcus ist Lebenscoach und begleitet Menschen nach einem Verlust. Und Verlust heißt für ihn ausdrücklich nicht nur, dass ein Mensch stirbt.

Wir verlieren auch Wünsche, Träume, Hoffnungen, Erwartungen. Die können es genauso brechen wie der Verlust eines Menschen.

Marcus

Er arbeitet ganzheitlich, achtet sehr genau auf Worte und darauf, was jemand ausstrahlt. Sein Ziel beschreibt er in einem Satz: dass ein Mensch sich wieder selbst im Spiegel anschauen darf.

Wortmagie

Ich wollte wissen, was Energiearbeit bei ihm konkret bedeutet. Ein großer Teil davon ist das, was er Wortmagie nennt.

So wie wir reden und so wie wir uns verhalten, ist genau die Energie, die wir ausstrahlen. Und das ist das, worauf die wenigsten Menschen achten.

Marcus

Dazu kommt Reiki, für das er den ersten Grad hat und bei dem er sich selbst nicht als Heiler versteht, sondern als Kanal.

Was „tiefer als Worte“ für ihn bedeutet

Handlungen. Ohne Umweg.

Es ist schön, wenn Menschen etwas erzählen. Aber ich finde es wesentlich effektiver, wenn sie mir auch zeigen, dass es wirklich so ist.

Marcus

Sein Beispiel: Wenn jemand sagt, er mag dich, und du bekommst von diesem Menschen nie eine Umarmung, dann kannst du es vermuten, aber du weißt es nicht. Eine Umarmung ist für ihn das Zeichen, dass Worte und Handlung zusammenpassen.

Das Gegenteil davon ist die Schönheitsfloskel. Zu der kommen wir später noch.

Wann er das letzte Mal authentisch war

Gestern Abend, sagt er. Essen und etwas trinken mit einem Menschen, bei dem er sich keinen Kopf machen muss, wie er rüberkommt, weil dieser Mensch seine Geschichte kennt.

Masken hat er auch, sagt er im selben Atemzug, weil auch er nur ein Mensch ist. Wir alle haben Baustellen, und niemand kann jeden Tag zu hundert Prozent authentisch sein.

Und dann kommt ein Gedanke, den ich sehr mag: Hundert Prozent sehen jeden Tag anders aus.

Wenn du traurig bist, dann sei traurig, dann sind das deine hundert Prozent. Wenn du kaputt bist, dann bist du kaputt, dann ist das auch okay.

Marcus

Etwas zum ersten Mal machen

Seine Antwort auf diese Frage ist erstaunlich alltäglich: anders kochen. Kühlschrank fast leer, Hunger da, und dann überlegen, was sich daraus machen lässt. Zusammenrühren und schauen.

Wenn ich etwas zum ersten Mal mache, ist genau das der Punkt. Ich weiß nicht, was kommt. Ich weiß nicht, wie es schmeckt, ich weiß nicht, wo der Weg hingeht.

Marcus

Und ja, es hat geschmeckt.

Was die meisten sehen und was bleibt

Die meisten sehen einen sehr lebensfrohen Menschen. Was zurückbleibt, ist für ihn etwas anderes: dass er immer einen Ansatz findet.

Ich suche mein Lachen jeden Tag. Und ich habe fast immer ein Lächeln auf den Lippen. Das heißt aber nicht, dass es mir immer gut geht.

Marcus

Wie man sein Lachen sucht

Ganz konkret: Er geht morgens ins Bad und schaut sich im Spiegel an. Nicht betrachten, sagt er, sondern wirklich sehen. Sich in die Augen schauen und feststellen, wie es einem tatsächlich geht.

Das Lachen selbst kann von überall kommen, auch von einem kurzen Video, über das er lachen muss. Entscheidend ist, dass er es gefunden hat.

Sobald ich das geschafft habe, habe ich eine andere Energie, weil ich weiß: ich kriege es noch hin. Es gab auch viele, viele Monate, in denen ich es nicht geschafft habe.

Marcus

Traurigkeit gehört dazu und ist notwendig, sagt er. Sie sollte nur nicht rund um die Uhr den Tag bestimmen.

Was er lange nicht ausgesprochen hat

Dass mein Leben mich lange genug in Fesseln gesetzt hat, weil ich mich selber in Fesseln gesetzt habe.

Marcus

Woran er merkt, dass sich etwas verändert hat: Er kann heute anders über den Verlust seiner Frau reden als vor zwei Jahren. Nicht, weil der Schmerz weg wäre. Der ist da. Aber er packt ihn nicht mehr auf dieselbe Weise.

Die größte Lüge

An dieser Stelle habe ich gefragt, ob er damals Unterstützung von außen hatte. Seine Antwort beginnt mit einer Gegenfrage: Wie definiert man Unterstützung?

Seine Eltern waren dabei, als seine Frau eingeschlafen ist, und sie waren selbst in ihrer Trauer. Ansonsten hatte er sehr wenige Menschen um sich. Er hat fast alles allein gelöst.

Und dann kommt der Satz, der der Folge ihren Titel gibt.

Die Floskel, und das ist eine schöne Floskel: sag Bescheid, wenn du was brauchst. Das ist die größte Lüge, die du jemandem sagen kannst.

Marcus

Wachsen im Dunkeln

Ich habe ihn gefragt, ob ein Mensch stärker und bewusster wird, wenn er sich seiner eigenen Dunkelheit stellt. Seine Antwort kam sofort: ja.

Es gibt kein Handbuch für den Verlust deines Partners. Ich habe über drei Monate gesucht und nichts gefunden, das mir dabei hilft. Weil es mein Leben ist, meine Frau, meine Situation.

Marcus

Sein Bild dafür ist der Muskel. Der wächst nicht vom Zuschauen, sondern wenn man ihn belastet. Schattenanteile anzuschauen tut weh, und genau deshalb wächst man daran.

Wichtig ist mir, dass er selbst die Grenze zieht, und das tut er sehr deutlich.

Ich würde diesen Schmerz in der Trauer nicht einmal meinem schlimmsten Feind zumuten wollen, wenn ich welche hätte.

Marcus

Wie geht es dir wirklich?

Marcus hat seiner Standardfrage ein Wort hinzugefügt. Er fragt nicht, wie es jemandem geht, sondern wie es ihm wirklich geht. Weil die übliche Antwort meistens eine Maske ist.

Dahinter steckt für ihn Angst vor Verletzlichkeit. Und was man in so einem Moment sein will, ist stark. Also setzt man die Maske auf.

Stark sein ist für mich vielmehr, in der Situation zu sagen, wie es dir wirklich geht.

Marcus

Und er dreht es noch weiter: Wer ehrlich antwortet, dass es ihm heute nicht gut geht, ist schon in seiner Energie. Wer sagt, mir geht es super, danke der Nachfrage, ist es nicht.

Reichtum

Geld gehört für ihn dazu, ganz offen, weil man damit viel machen kann. Aber der eigentliche Reichtum liegt woanders.

Dass ich in den Spiegel gucken kann und mich sehen darf. Dass ich sehe, wie es mir geht. Und wenn es heute wirklich beschissen ist, das emotional zu durchleben und anzunehmen. Auch das ist Reichtum.

Marcus

Die drei wertvollsten Dinge

Sein Lachen. Seine Hündin. Seine Reflektiertheit.

Ich habe diese Frage vorher noch nie gestellt, und selten hat eine Antwort so viel über einen Menschen gesagt.

Was habe ich dazu beigetragen?

Wenn ihn etwas trifft, ist er im ersten Moment ohne Wahl. Man reagiert, sagt er, das war es. Die Frage kommt danach, und sie begleitet ihn täglich.

Was habe ich dazu beigetragen, dass ich diese Situation so erleben darf?

Marcus

Nicht als Selbstvorwurf, sondern um erst einmal bei sich zu bleiben. Vielleicht hat er skeptisch geschaut. Was im anderen vorgeht, weiß er ohnehin nicht.

Dazu passt eine Beobachtung, die ihn wirklich beschäftigt. Er geht dreimal am Tag mit seiner Hündin raus, und ihn stört, wie viele Menschen ein Hallo nicht erwidern.

Da ist ja nichts dabei. Es ist nur Freundlichkeit. Und wenn du etwas Positives bekommst, ändert sich doch auch deine Energie, wenn du es annimmst.

Marcus

Was die Welt zu einem besseren Ort machen würde

Dass jeder sich im Spiegelbild wirklich sieht. Nicht betrachtet, sieht.

Wenn ich erkenne, das ist meine Baustelle, das ist meine Herausforderung. Die meisten Menschen machen es zu der Sache anderer.

Marcus

Er sagt dazu ausdrücklich, dass das wehtut und dass der eigene Kopf dabei ordentlich dazwischenredet. Und er sagt genauso deutlich, dass nicht jeder Mensch heute dazu in der Lage ist.

Ich kann ja niemandem sagen, ich kenne deinen Weg. Meinen kenne ich ja selbst nicht.

Marcus

Der wichtigste Mensch

Mitten im Gespräch dreht er die Frage um und stellt sie mir. Wer ist der wichtigste Mensch in deinem Leben?

Die längste Beziehung, die ich führe, ist die Beziehung mit mir selber. Von Tag eins, an dem ich hier die Augen aufgemacht habe, bis zu dem Tag, an dem ich sie schließen werde.

Marcus

Ganz praktisch heißt das bei ihm: Wenn er nicht funktioniert, funktioniert es für seine Hündin auch nicht, weil dann niemand ihr Fressen macht. Erst er, dann Alma, dann alles andere.

Wie redest du mit dir selbst?

Wir behandeln andere gut und vergessen dabei uns selbst. Marcus fragt an dieser Stelle sehr direkt: In welcher Energie bist du, wenn du zu dir sagst, ich bin zu dumm?

Sein Gegenvorschlag ist bewusst klein.

Du darfst stolz darauf sein, dass du heute in der Lage warst, dir die Zähne zu putzen. Dass du das Bett gemacht hast. Dass du dir etwas Schönes gekocht hast.

Marcus

Ich habe ergänzt: dankbar dafür, atmen zu dürfen. Das klingt für viele nach Humbug, sagt er. Man soll es einfach eine Weile machen und schauen, was passiert.

Die Frage vom Gast davor

Jeder Gast hinterlässt eine Frage für den nächsten. Diese lautete: Was halten die meisten Menschen für gesund, das sie deiner Meinung nach falsch machen?

Seine Antwort kommt in einem Wort: Selbstliebe.

Die meisten denken, Selbstliebe sei etwas Arrogantes. Für mich ist es, sich selbst so anzunehmen, wie ich bin. Etwas zu verändern, ist meine Entscheidung. Aber die Akzeptanz, dass es ist, wie es ist, das ist ein Akt der Selbstliebe.

Marcus

Was ihn wütend macht

Ignoranz. Und er meint damit etwas Bestimmtes, das er auch sofort erklärt: dass das, was da ist, ja trotzdem da sein darf. Gewalt nimmt er dabei ausdrücklich aus.

Ich muss eine Meinung nicht akzeptieren. Aber ich darf akzeptieren und tolerieren, dass er sie hat.

Marcus

Sein Wort dafür ist gleich gültig. Nicht gleichgültig im Sinne von egal, sondern gleich viel wert.

Eine Stoffpuppe, die lacht

Auf die Frage, welches Produkt im Schaufenster er wäre, kommt eine Puppe aus Stoff, die lacht. Kaufen soll sie, wer gerade ein Lachen braucht.

Mein Lachen ist in der Regel fast immer zu hundert Prozent echt. Und wenn ich ein Lachen gebe, darfst du es annehmen.

Marcus

Was er seinem jüngeren Ich fühlen lassen würde

Dass es genauso richtig ist, wie es ist.

Marcus

Und wenn er vor sich selbst als Kind stünde, würde er nicht reden. Der erwachsene Marcus würde den kleinen Marcus einfach in den Arm nehmen. Das reicht, sagt er.

Die Superkraft

Er würde die nehmen, die er ohnehin schon hat: in die Wunde piksen. Er findet den wunden Punkt bei einem Menschen ohne große Mühe.

Als Comicfigur, sagt er, wäre er entsprechend kein klassischer Superheld.

Die meisten sehen mich als Bösewicht, aber ich bringe Heilung. Ich zeige dir diesen wunden Punkt.

Marcus

Und er zieht die Grenze im selben Atemzug selbst.

Ich kann dich nicht heilen, um Gottes willen, ich will dich gar nicht heilen. Aber ich stoße dich an, dass du an diesem Punkt einmal hinschauen darfst. Und das wird wehtun.

Marcus

Im Bild vom Kind auf dem Fahrrad heißt das: Er würde niemanden schubsen. Er würde nur nicht sofort hinrennen, wenn jemand fällt. Helfen würde er danach.

Der Sinn des Lebens

Zu leben. Zu dienen. Das zu geben, was ich geben darf, und das zu erfahren, was ich erfahren darf. Nicht was ich muss, sondern was ich darf.

Marcus

Über den Gast

Marcus Hoppen ist Lebenscoach und begleitet Menschen durch Verlust und Trauer. Er arbeitet mit Energiearbeit, Spiegelarbeit und einem sehr genauen Blick auf Sprache. Anschreiben darf man ihn.

Instagram: @marcushoppen.mentoring
Website: deine-reisezudir.de

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Wenn du gerade selbst trauerst

Trauer braucht keinen Notfall, um ernst genommen zu werden. Der Bundesverband Trauerbegleitung vermittelt qualifizierte Begleitung in deiner Nähe, einzeln, als Familie oder in der Gruppe, auch online: bv-trauerbegleitung.de. Wenn es dir gerade sehr schlecht geht, ist die TelefonSeelsorge rund um die Uhr erreichbar, kostenfrei und auf Wunsch anonym: 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116123.

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