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Tiefer als Worte

Maria Kress kommt aus der Nähe von Fulda, ist Mama einer Tochter und nennt sich lebensverliebt. So heißt auch ihre Selbstständigkeit: lebensverliebt.jetzt. Sie begleitet Menschen durch Veränderungen, und zwar nicht nur durch die großen Schicksalsschläge.

Aufgewachsen ist sie übrigens in Lorch, bei uns in der Nähe. Geboren in Dresden, groß geworden im Schwabenland, verheiratet mit einem Bayern. Sie sagt selbst, sie habe die drei schwierigsten Dialekte Deutschlands mitgenommen.

Zwischen den Zeilen

Auf die Frage, was „tiefer als Worte“ für sie bedeutet, kam ein Wortspiel, das noch kein Gast so gebracht hat:

Tiefer als Worte ist für mich alles, was ich fühle. Was ich zwischen den Zeilen lese.

Maria Kress

Und sie sagt dazu einen Satz, der hängen bleibt: Es gebe sehr wenige Menschen, die zu hundert Prozent ehrlich sind. Deshalb stehe das Wichtige oft eben nicht im Gesagten.

Worüber sie sonst schweigt

Ihr Triggerpunkt ist das Bewerten. Man trifft jemanden nach langer Zeit wieder, und der erste Satz ist „was hast denn du heute an“. Sie versteht es schlicht nicht.

Sie hat einen Kreis, in dem sie das offen anspricht, und andere Kreise, in denen sie es sich verkneift. Was sie für sich gelernt hat:

Das ist ein Gespräch, da bin ich raus. Ich gehe lieber in die Natur spazieren. Das verschwendet gerade meine Lebenszeit.

Maria Kress

Reichtum heißt re-ich

Ihre Antwort auf die Frage nach Reichtum hat mir Gänsehaut gemacht. Sie zerlegt das Wort: re und ich. Zurück zu mir.

Reich ist für sie, wer weiß, wer er ist, wo er hingehört und was ihm wichtig ist. Mit Geld hat das für sie nichts zu tun. Sie lebt sehr minimalistisch, war mit ihrem Mann drei Monate mit einem kleinen Koffer auf Bonaire und hat nichts vermisst.

Der Luxusartikel

Gefragt nach einem Luxusartikel, auf den sie nicht verzichten würde, überlegt sie lange. Einen im westlichen Sinne habe sie eigentlich nicht.

Dann sagt sie: ihren Rollstuhl.

Und geht direkt weiter in die Frage, wie das eigentlich früher war, vor den Rollstühlen. Was Menschen mit Querschnittslähmung damals blieb. Genau dieses Weiterdenken macht das Gespräch aus.

Die Superkraft

Sie darf sich eine aussuchen. In die Vergangenheit reisen will sie nicht, weil man sie ohnehin nicht ändern kann.

Ich hätte gerne eine Möglichkeit, um mit meinem Mann zu sprechen. Noch einmal.

Maria Kress

Andy ist vor knapp vier Jahren gestorben. Plötzlich, abends im Bett, ohne Vorerkrankung, ohne Warnzeichen.

Sie sagt auch ehrlich, was ihr währenddessen durch den Kopf ging: ob so ein Gespräch überhaupt gut wäre, oder ob die große Trauer vom Anfang dann wieder da wäre.

Das Lied im Radio

Sechs Tage nach seinem Tod. Sie bringt ihre Tochter in den Kindergarten, will die Routine halten, fährt allein zurück. Auf der Landstraße geht im Radio ein Lied an, obwohl ihr Handy gar nicht mit dem Auto verbunden war. Es war nicht einmal im Auto.

„Das Leben ist schön“ von Sarah Connor.

Sie hat eine Vollbremsung hingelegt, geweint und eine Freundin angerufen, weil sie es selbst nicht glauben konnte. Sie sagt dazu klar, dass sie ein Mensch ist, der nach Erklärungen sucht, und dass sie hier keine hat.

Der Fleck in der Küche

Das hat sie vorher noch niemandem erzählt.

In ihrer Küche gibt es eine Stelle, auf die morgens die Sonne fällt. Dort stand sie einmal, kurz nach der Rückkehr von Bonaire, mit tiefem Heimweh. Andy hat sich von hinten hinter sie gestellt, die Hände auf ihre Schultern gelegt und gesagt, es wird alles gut. Ohne dass sie ein Wort gesagt hätte. Er wusste es.

Wenn sie heute dort steht, hat sie dieses Gefühl wieder.

Aufgefallen ist mir etwas anderes: Sie spürt ihn, wenn sie in der Dankbarkeit ist. Das sagt sie nebenbei, und ich glaube, das ist der eigentliche Schlüssel.

Was in ihrem Museum steht

Vor allem Bilder von den Menschen, die sie auf den verschiedenen Etappen begleitet haben. Begegnungen sind für sie das, wofür sie hier ist.

Dazu, was mir beim Zuhören eingefallen ist und was sie bestätigt hat: der kleinste Koffer der Welt. Eine Bühne mit Mikrofon. Und eine Goldmedaille, 2012, Rollstuhlbasketball, mit der Mannschaft.

Sie hätte das von sich aus nicht erwähnt. Ich musste nachfragen.

Lebensverliebt.jetzt

Was sie ihrem jüngeren Ich nicht erklären, sondern fühlen lassen würde: dass es bedingungslose Liebe gibt. Zu ihrer Tochter und zu Andy.

Und der Sinn des Lebens ist für sie genau das, was auch über ihrer Arbeit steht. Vergangenheit kann man nicht ändern, Zukunft auch nicht. Bleibt das Jetzt.

Lebensverliebt heißt nicht nur die guten Phasen. Da gehört alles dazu. Wenn wir tiefe Momente erlebt haben, können wir die guten viel mehr wertschätzen.

Maria Kress

Über den Gast

Maria Kress begleitet Menschen durch Veränderungen und ist unter lebensverliebt.jetzt unterwegs.

Instagram: @lebensverliebt.jetzt
Website: lebensverliebt.jetzt

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