Hinweis: In dieser Folge geht es auch um Suizid. Lies den Beitrag nur, wenn du dich sicher genug dafür fühlst.
Wenn es dir gerade schlecht geht: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222, außerdem online unter telefonseelsorge.de.
Mike Fuhrmann wird dieses Jahr 50 und lebt mit seiner Familie in der Schweiz. Ursprünglich kommt er aus Deutschland, seit er 21 ist, hat er in Holland, Indonesien und Spanien gelebt, seit fünfzehn Jahren in Zürich. Er kam aus der Werbung, hat nebenher eine Ausbildung zum Filmproduzenten und Drehbuchautor gemacht und war zuletzt als Angestellter für einen internationalen Versicherungskonzern in der Schweiz verantwortlich.
Ich mochte nicht das, was ich geworden bin.
Mike Fuhrmann
Heute arbeitet er mit Licht- und Sound-Neurostimulation. Kennengelernt haben wir uns auf den Biohacking Days in Stuttgart, wo ich seine Anwendung ausprobieren durfte. Seine Selbstbeschreibung ist die beste, die ich bisher gehört habe:
Ich bin der einzig substanzfreie LSD-Dealer.
Mike Fuhrmann
Der Punkt dahinter ist ernst gemeint. Licht und Sound sind psychoaktiv, sie wirken auf das emotionale Wohlbefinden. Ich hatte die Augen zu, Kopfhörer auf, mitten in einer vollen Messehalle, und war einfach bei mir.
Was „tiefer als Worte“ für ihn ist
Wir haben ganz viel Lärm um uns herum, und da sind auch viele Worte dabei.
Mike Fuhrmann
Die Substanz liegt für ihn tiefer: in dem, was jemand tut, umsetzt oder eben nicht macht. Und dann gibt es die Worte, die nachklingen. Das sind die Gespräche, auf die er sich freut.
Wie er Räume liest
Ich habe gefragt, was er macht, wenn er merkt, dass ein Raum voller Menschen ist, die anders ticken. Seine Antwort war unaufgeregt.
Er beobachtet erst. Stellt sich irgendwo hin, schaut, was passiert. Und trifft dann eine Entscheidung.
Die Leute, die sich irgendwo hinstellen und andere von irgendwas überzeugen wollen, die sind für mich vorbei. Das kostet mich nur Energie.
Mike Fuhrmann
„Ich atme“
In der Schweiz, sagt er, ist die erste Frage immer dieselbe: Was machst du so? Früher hat er dann geantwortet, er sei Geschäftsführer bei einer Versicherung. Danach wurde das Gespräch sofort ein anderes, es ging nur noch darum, was man von ihm bekommen könnte.
Heute antwortet er manchmal einfach: Ich atme. Und wenn das nicht reicht, kommt der LSD-Satz und erstmal ein Lachen.
Ich habe keine Lust mehr, mich mit Leuten zu beschäftigen, die ihre ganze Wertigkeit aus ihrem Job ziehen. Ich habe das selbst gemacht, ich war so einer.
Mike Fuhrmann
Warum die besten Werber People Pleaser sind
Das ist die Stelle, an der es für mich zum ersten Mal richtig ehrlich wurde.
Denen geht es gut, wenn sie im Außen Erfolg haben. Und das hat immer damit zu tun, dass du selbst ein sehr niedriges Selbstwertgefühl hast. Du brauchst immer Applaus von außen.
Mike Fuhrmann
Und dann der Satz, der hängen bleibt:
Wenn der Applaus mal weg ist, dann wird es plötzlich ganz schnell dunkel.
Mike Fuhrmann
Was nach dem Ausstieg kam
Er ist aus der Konzernwelt raus und hat sein eigenes Ding gemacht. Was er in den drei Jahren danach gelernt hat, hätte er vorher nicht für möglich gehalten.
Man muss halt auch mal aushalten, wenn plötzlich nichts passiert, wenn plötzlich keiner anruft.
Mike Fuhrmann
Viele Menschen, die er für wichtig gehalten hatte, waren weg. Sie waren nicht wegen ihm da gewesen, sondern wegen seines Namens. Inzwischen, wenn er irgendwo auf einer Bühne steht, kommen manche wieder. Nur ist das Machtgefüge jetzt ein anderes.
Was ihm heute gut tut: sein Hund, seit drei Jahren. Rausgehen, Handy aus, nichts machen.
Die Frau, die während des Tätowierens eingeschlafen ist
Auf Mallorca haben sie seine Technik mit einer Person kombiniert, die Angst vor der Tattoonadel hatte. Sie lag eine Dreiviertelstunde in einer Meditation, an einer Stelle, die wehtut. Sie hat die Nadel nicht gespürt und ist eingeschlafen.
Das gibt mir mehr als eine erfolgreiche Kampagne. Du hast gerade jemandem eine Angst genommen.
Mike Fuhrmann
Was er lange nicht ausgesprochen hat
Auf diese Frage kam kein Geheimnis, sondern Dankbarkeit. Seiner Frau, die ihn durch die schweren Zeiten getragen hat. Seinen beiden Kindern, die selbstständige Persönlichkeiten geworden sind.
Und vor allem seinen Eltern.
Ich weiß, dass ich als Teenager teilweise echt krasse Sachen zu meinem Vater gesagt habe, weil du komplett rebelliert hast.
Mike Fuhrmann
Mit seinem Vater gibt es bis heute Kommunikationsschwierigkeiten, das sagt er offen. Was sich für ihn trotzdem geändert hat, hat er auf einer Reise im Amazonas verstanden, wo er einen Monat bei den Shipibo gelebt hat. Er ist dort in die Kindheit seines Vaters eingetaucht und hat gesehen, dass die Entscheidungen, die er jahrelang kritisiert hatte, gar nicht anders möglich waren.
Deine Eltern wollen dir grundsätzlich immer nur das Beste mitgeben, aber sie agieren aus ihrem eigenen Trauma. Das ist aber nicht ihre Geschichte, es ist deine.
Mike Fuhrmann
Und daraus der Satz, der das Ganze zusammenhält:
Du bist nicht da, um deine Eltern zu heilen.
Mike Fuhrmann
Dazu, und das ist eine ungewöhnliche Wendung: Er ist inzwischen auch für die Verletzungen dankbar, weil er ohne sie nicht da wäre, wo er ist.
Reichtum heißt, geliebt zu werden
Erst kommt die Einordnung: Wer in einem Industrieland lebt, ein Dach über dem Kopf hat, Wasser, das nicht krank macht, und genug zu essen, ist bereits massiv reich.
Und dann die Antwort, bei der ich Gänsehaut bekommen habe.
Der größte Reichtum ist wahrscheinlich für mich nicht mal Gesundheit, sondern geliebt zu werden.
Mike Fuhrmann
Du brauchst mindestens eine Person im Leben, wo du weißt, die liebt dich. Das ist Reichtum.
Mike Fuhrmann
Der Mann mit den Nägeln
Seine Frau kommt aus Indonesien. In den Flitterwochen dort gab es einen Nachbarn, der weder lesen noch schreiben konnte. Er lebte neben einer Bahnschiene in einer selbstgebauten Wellblechhütte und schlief auf einer Holzpritsche davor. Seinen Unterhalt verdiente er damit, gefundene Nägel zu sammeln, sie zu polieren und auf den Schienen mit einem Hammer geradezuklopfen.
Er spielte außerdem hervorragend Schach. Mike spielt gut und hatte trotzdem keine Chance.
Ich würde nicht sagen, dass der Typ arm war.
Mike Fuhrmann
Der Mann hatte ein riesiges Umfeld, alle waren füreinander da. Mike kam damals mit maßgeschneiderten Anzügen in dieselbe Straße und hat keinen Neid gespürt, sondern sich selbst unwohl gefühlt.
Und die andere Seite
Denn er kennt auch das Gegenteil, aus eigener Erfahrung.
Du hast ein extrem hohes Gehalt, du kannst dir eigentlich alles erlauben, und du stehst vor dem Spiegel und hast keine Ahnung, wer du bist.
Mike Fuhrmann
In dieser Zeit war er suizidgefährdet. Finanziell stand er besser da als heute.
Heute hat er seinen Hund, seine Familie und eine Arbeit, in der er Menschen hilft, sich mit sich selbst zu verbinden.
Reinigungskraft und CEO
Daran hängt eine Haltung, die er klar formuliert hat.
Eine Reinigungskraft ist nicht weniger Mensch als ein CEO.
Mike Fuhrmann
Wer das wirklich lebt, sagt er, hat verstanden, worum es im Umgang miteinander geht.
Die Frage der Vorgängerin
Jede Folge gibt eine Frage weiter. Diesmal: Wenn du nur eine Sache auf der Welt verändern könntest, welche wäre es?
Seine Antwort: den Menschen wieder ganz anschauen, Körper, Geist und Seele zusammen, statt nur im Kopf zu leben. Weil die Probleme, die er sieht, aus dem Ego kommen und aus einer Ungerechtigkeit, die niemand entschieden hat.
Dazu ein Gedanke, den er auf Menschen in Machtpositionen anwendet: Viele von ihnen sind hoch verletzt, und sie entscheiden trotzdem über ganze Länder mit. Das bringt seiner Meinung nach nichts Gutes, sondern nur Spaltung.
Die liegende Sechs
Sein Bild für Perspektive: Zwei Menschen stehen auf gegenüberliegenden Seiten einer auf dem Boden liegenden Sechs. Der eine ruft Sechs, der andere Neun. Beide haben recht.
Und die Perspektive wird auch geformt davon, in was für einer Situation du drin steckst.
Mike Fuhrmann
Wer nicht weiß, wie er nächsten Monat die Miete zahlt, sieht etwas anderes als jemand, der über ein zweites Haus nachdenkt. Und wer nicht weiß, ob er den Monat überlebt, dem ist die Miete egal.
Jede Meinung bekommt ein Etikett
Das ist der Satz, der der Folge den Titel gegeben hat.
Du framest jede Meinung und machst daraus digital einen Shitstorm. Wie viele Leute Angst haben, irgendwas zu sagen, damit sie nicht geframed werden.
Mike Fuhrmann
Er ist ausdrücklich dafür, dass Menschen ihre Meinung sagen. Nur mit einer Bedingung.
Ich bin extrem ein Fan davon, dass du eine Meinung hast, basierend auf den Erfahrungen, die du gemacht hast.
Mike Fuhrmann
Und daraus sein Lieblingssatz:
Erfahrung schlägt Schlagzeilen.
Mike Fuhrmann
Was er sich wünscht, ist simpel: dass Menschen nicht übereinander reden, sondern miteinander, und ab und zu den Blickwinkel wechseln.
Wenn Geld eine Person wäre
Er hat kurz überlegt und dann etwas beschrieben, das ich so noch nie gehört habe.
Diese Person hat hellseherische Fähigkeiten, weil sie zeigen kann, wozu Menschen fähig sind. Sie leuchtet, hat eine krasse Ausstrahlung. Sie ist nicht gut und nicht schlecht, nicht hübsch und nicht hässlich.
Neutral ist der richtige Begriff.
Mike Fuhrmann
Die einen zieht sie an, die anderen drehen sich weg. Und sein Schluss daraus:
Gib einem Menschen viel Geld, und dann siehst du den wahren Charakter einer Person.
Mike Fuhrmann
Ein Schweizer Taschenmesser
Wäre er ein Produkt im Schaufenster, wäre er eins. Kaufen soll es jeder, der in irgendeiner Lebenslage Hilfe braucht, weil so viele nützliche Werkzeuge daran hängen.
Der Sinn des Lebens
Genieß den Ritt.
Mike Fuhrmann
Dahinter steckt ein Modell, das er aus einem Buch hat: Das Leben läuft in Sieben-Jahres-Zyklen. Die ersten sieben Jahre verständigt sich ein Kind nur über die emotionale Ebene. Ab sieben kommt der Kopf dazu, Schule, Kultur, das Ego formt sich. Ab vierzehn der Körper, die Pubertät.
Bei den meisten bleiben Kopf und Körper dann eng verzahnt, und die seelische Ebene wird vierzehn Jahre lang nicht gehört. Und genau da, sagt er, beginnen die Probleme.
Der kleine Mike
Der stärkste Teil der Folge kommt zum Schluss, und er hat gezögert, bevor er ihn erzählt hat.
Auf einer seiner Reisen im Amazonas hatte er eine Vision. Er sah sich selbst als kleines Kind und wollte mit ihm sprechen. Das Kind drehte sich um, hatte ein völlig bleiches Gesicht und sagte:
Ich würde nicht mal mit mir reden, selbst wenn ich der letzte Mensch auf der Erde wäre. Ich hätte mich viel zu lange betrogen.
Mike Fuhrmann
Das war eine sehr schlimme Nacht. Und es hat lange gedauert, mehrere Reisen, bei denen ihm das Kind immer wieder begegnet ist und nie etwas mit ihm zu tun haben wollte.
Bei der letzten haben sie sich ausgesprochen und miteinander gefeiert. Er musste dem Kind dafür etwas versprechen:
Jede Entscheidung, die ich ab sofort abwäge, gleiche ich mit ihm ab. Wenn wir einer Meinung sind, mache ich es. Wenn wir unterschiedlicher Meinung sind, folge ich ihm.
Mike Fuhrmann
Als Erinnerung hat er ein Babyfoto von sich als Display auf dem Handy.
Ich schulde eigentlich nur dem Wesen, das ich als Kind war, irgendwas. Sonst niemandem. Dass dieser kleine Mike glücklich ist, das ist alles.
Mike Fuhrmann
Über den Gast
Mike Fuhrmann lebt in der Schweiz und arbeitet mit Licht- und Sound-Neurostimulation.
Instagram: @neurovizr.ch
Website: neurovizr.ch
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22. September 2026„Ich muss nicht jemand anderes sein, damit ich geliebt werde“ – Michèle über Bücher, die Badewanne und den Weg zu sich selbst
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