Kennengelernt haben wir uns beim Eisbaden. Ich kam zu spät, alle waren schon fertig, und Nadine blieb einfach sitzen und sagte, sie wartet noch mit mir. Ab diesem Moment war da etwas, und daraus ist eine Freundschaft geworden.
Alle nennen sie die Eiskönigin. Sie ist Mutter von drei Kindern, arbeitet in Teilzeit, und im vergangenen Jahr ist sie einen Marathon gelaufen. Auf einem Knie, von dem sie noch nicht wusste, dass darin alles gerissen war.
Was „tiefer als Worte“ für sie bedeutet
Musik. Ohne Umweg.
Dieser Moment, wenn ein Lied anfängt und ich sofort Gänsehaut verspüre. Wenn ein Ton etwas in mir öffnet, das ich selbst kaum benennen kann.
Nadine
Sie hört beim Laufen, sie hört beim Aufräumen, meistens laut und oft mit Kopfhörern. Es erdet sie und lässt ihren Emotionen freien Lauf. Klassik, Pop, Balladen, fast alles. Neulich war sie allein bei einem Abend mit Klavier, Geige und Cello, und sagt bis heute, was das mit ihr gemacht hat.
Warum sie Eiskönigin heißt
Weil sie am längsten sitzen bleibt. Bei einem Charity-Event in Reutlingen war die Grenze für alle bei zehn Minuten. Nadine ging bei knapp dreißig Minuten aus dem Wasser, mit blauen Lippen, während wir anderen längst in der Sauna saßen.
Einmal hat sie bei einer Challenge für einen guten Zweck 45 Minuten in der Eistonne ausgeharrt und dabei ihre Grenze klar gespürt.
Da habe ich wirklich gemerkt, ich habe körperliche Ausfallerscheinungen. Das war auch zu viel.
Nadine
Ein Hinweis, der uns beiden wichtig ist: Nadine weiß sehr genau, was sie tut, und sie hat sich das über Jahre aufgebaut. Eisbaden gehört immer in Begleitung, besonders beim ersten Mal, und es geht nie darum, möglichst lange drinzubleiben. Ihre Zeiten sind keine Vorlage.
Was sie dabei ausmacht, ist etwas anderes. Sie zieht Leute mit, ohne sie zu drängen. Ich habe wegen ihr vor dem Eisbaden getanzt, und ich tanze nicht.
Wer sie ist, wenn niemand zuschaut
Die, die unter der Dusche laut singt.
Nadine
Und dann kommt der zweite Teil, den man ihr von außen nicht ansieht.
Ich bin sehr sensibel, auch wenn man das gar nicht denkt. Ich spüre viel.
Nadine
Harte Schale, weicher Kern, sagt sie selbst. Wenn sie in einen Raum kommt, in dem die Stimmung angespannt ist, verunsichert sie das erst einmal. Gehen würde sie trotzdem nicht.
Das Schiff würde ich nicht verlassen. Ich versuche, mit einer positiven Energie reinzustrahlen und zu schauen, ob ich jemanden abholen kann.
Nadine
Der Satz, den sie loswerden wollte
Auf die Frage, ob es etwas gibt, das sie lange nicht ausgesprochen hat, kommt ein einziger Satz. Er ist kurz und er sitzt.
Ich muss nicht perfekt sein, um wertvoll zu sein.
Nadine
42 Kilometer mit kaputtem Knie
Im vergangenen Jahr ist sie in Tuttlingen ihren ersten offiziellen Marathon gelaufen. Kein Verein, keine Laufgruppe, kein Coach. Alles selbst antrainiert.
Am Vortag hatte sie leichte Knieschmerzen. Sie wollte sich den Lauf nach der langen Vorbereitung nicht nehmen lassen, hat ausnahmsweise ein Schmerzmittel genommen und ist allein hingefahren. Es war der heißeste Tag des Jahres, 36 Grad.
Nach jedem Kilometer steht ein Schild.
Nach Kilometer eins habe ich gedacht: Super, Nadine. Nur noch 41.
Nadine
Am Tag danach ging es ihr richtig schlecht. Im MRT kam heraus: Meniskus gerissen, Außenband gerissen, Kreuzband gerissen. Passiert war es vermutlich Wochen vorher auf einer Sprossenleiter im Wanderurlaub.
Und hier ist der Satz, der zu dieser Geschichte dazugehört:
Ich hatte nicht auf dem Schirm, dass ich einen Meniskus- und einen Kreuzbandriss habe. Sonst hätte ich das natürlich nicht durchgezogen.
Nadine
Sie ist also nicht trotz besseren Wissens gelaufen. Sie wusste es nicht. Ihr Arzt feiert sie bis heute dafür, und sie selbst ist stolz. Eine Empfehlung ist es nicht, und sie gibt sie auch nicht.
Der erste Platz
Am Ziel wollte sie sich nur schnell ihre Zeit auf die Medaille gravieren lassen. Der Mann an der Graviermaschine fragte, ob sie den ersten Platz nicht auch draufhaben wolle.
Sie hat ihn angeguckt und nicht verstanden, was er meint. Sie war Erste in ihrer Altersklasse und stand am Ende auf dem Podest.
Was der Zieleinlauf mit ihr gemacht hat
Das war Wahnsinn. Ich bin am Ziel angekommen, ich hatte Tränen in den Augen, das war absoluter Ausnahmezustand.
Nadine
Ihre größte Sorge auf der Strecke war, dass die Uhr vor ihr abgeschaltet wird und der Lauf ohne Zeit zählt. Hat sie nicht. Um die vier Stunden, sagt sie, und schiebt sofort hinterher, dass es viel bessere gibt. Danach: Endorphine, Schmerzen in den Beinen, der Körper im Zittern.
Berlin
Beworben hat sie sich aus Jux, in der festen Überzeugung, nicht genommen zu werden. Über 60.000 Menschen laufen dort, und ohne Qualifikationszeit kommt man kaum rein. Ein Teil der Plätze wird verlost, und sie hatte Glück.
Im September läuft sie in Berlin. Dazu kommen ein weiterer Marathon in Tuttlingen, ein paar Hindernisläufe und Halbmarathons.
Erfüllt dich, was du tust?
Diese Frage kam vom Gast der Folge davor.
Absolut. Das gibt mir Kraft und Auftrieb, dass ich solche Hürden schon geschafft habe. Das bringt mich im Alltag immer wieder weiter.
Nadine
Reichtum ist Gesundheit
Mit Geld hat Reichtum für sie nichts zu tun.
Gesundheit ist unser höchstes Gut. Reich fühle ich mich, wenn mein Körper funktioniert, wenn ich atmen kann und wenn ich mich bewegen kann.
Nadine
Und Luxus sind Menschen, die einen sehen und verstehen. Verstanden werden heißt für sie: auf Augenhöhe, ernst genommen, alles offen sagen können, ohne sich zu verstellen. Und vor allem gehört werden, statt sofort einen Ratschlag zu bekommen.
Was die Welt besser machen würde
Mehr Mitgefühl, und zwar im Kleinen. An der Supermarktkasse, ein Lächeln, ein offenes Ohr.
Ihr Beispiel: Sonntags nach dem Eisbaden stand sie zitternd mit blauen Lippen beim Bäcker. Die Verkäuferin fragte, ob ihr kalt sei, und daraus wurde ein Gespräch mit einer völlig fremden Frau. Beim Rausgehen hat sie ihr noch ein paar Brötchen mitgegeben.
Wenn man Menschen mit einem Lächeln und einem offenen Herzen begegnet, dann kommt meistens auch etwas Positives zurück.
Nadine
Was sie wütend macht
Ungerechtigkeit. Purer Egoismus. Und Schweigen dort, wo man handeln müsste.
Am meisten aber die Kriege, dass es zu keiner Einigung kommt und immer mehr Länder mitmachen. Das macht ihr Angst.
Zuhause über Krieg reden
Ihre Kinder bekommen Nachrichten mit, und sie bespricht das mit ihnen. Nicht, weil es leicht wäre, sondern weil sie es für nötig hält.
Man muss darüber reden, man darf es nicht verschweigen, in einem gesunden Maß.
Nadine
Sie nimmt ihre Kinder auch zu ihrem Hobby mit und lässt sie an ihrem Leben teilhaben. Und sie sagt selbst, dass sie als Mutter eines Teenagers noch übt.
Manchmal braucht es Gelassenheit, Dinge hinzunehmen. Das geht in Wellen, und es geht auch wieder vorbei. Wir waren auch mal Kinder und haben Blödsinn gemacht.
Nadine
Die Superkraft
Hier wird es kurz albern, und das passt zu ihr.
Dass jedes Selfie sofort perfekt aussieht. Licht stimmt, Pose stimmt, und nie wieder fünfzig Fotos aussortieren.
Nadine
Ihr Museum
Die Medaille vom Marathon. Ihre Prinzessinnenkrone vom Eisbaden. Ein paar Selfies. Die guten Taten für den guten Zweck. Viele Bilder vom Eisbaden, mit Kopf unter Wasser und ohne. Ihre Laufschuhe, ihre Laufuhr, ihre Kopfhörer. Und ein paar Musikstücke, die sie tief berührt haben.
Was sie ihrem jüngeren Ich fühlen lassen würde
Dass man nicht über alles nachdenken muss. Dass man ausprobieren darf und aus Fehlern lernen darf, und dass das richtig so ist.
Leicht fällt ihr das bis heute nicht.
Ich strebe nach Perfektionismus. Fehler zu machen fühlt sich für mich nicht gut an. Und gleichzeitig weiß ich: Nur aus Fehlern kann man lernen.
Nadine
Und der Sinn des Lebens
Der Sinn des Lebens ist eigentlich, dem Leben einen Sinn zu geben.
Nadine
Und dann wird sie konkret: glücklich sein am Ende des Tages, achtsam sein, die kleinen Wunder mitbekommen. Sie sagt, beim Joggen findet sie bei jedem Wetter etwas. Ein Lichtfleck, eine besondere Wolke, ein Regenbogen nach einem verregneten Lauf.
Über den Gast
Nadine läuft Marathon, badet im Eis und nimmt Menschen mit.
Instagram: @nadineriedel9237
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Weitere Folgen
29. September 2026„Disziplin formt ein einfacheres Leben“ – Ecilio über Natur, Mut und den Weg zu sich selbst
22. September 2026„Ich muss nicht jemand anderes sein, damit ich geliebt werde“ – Michèle über Bücher, die Badewanne und den Weg zu sich selbst
15. September 2026„So viel kann man nicht trinken“ – Katharina Thibus über Sucht, Selbstwert und den Mut, alles zu ändern