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Tiefer als Worte

Nicci ist 38 und in Reutlingen aufgewachsen. Er war Karosseriebauer, hat Autodesign studiert, war eine Weile in München und hat sich dann hier einen Traum erfüllt: das Nicci Art Studio in Reutlingen-Rommelsbach, eine Boutique, ein Showroom und ein kreativer Treffpunkt, der sich von Woche zu Woche verändert. Seine Marke heißt NCCRTS.

Kennengelernt haben wir uns über Umwege. Ich hatte viel von ihm gehört, dann standen wir beim Basketball nebeneinander, und ich hatte ihn vorher im Stadtmagazin gesehen, beim Eisbaden. Ich habe gesagt, ich komme morgen mit. Er hat es mir nicht geglaubt.

Viele sagen, sie wollen immer zum Eisbaden, und unter fünf Prozent kommen dann mit.

Nicci

Es waren beim ersten Mal 45 Sekunden. Seitdem gehen wir sonntags zusammen.

Was „tiefer als Worte“ für ihn ist

Er hat die Frage von hinten aufgezogen. Erst einmal, sagt er, gibt es viele Schwätzer, die sehr gut mit Worten umgehen können und wenig dahinter haben. Und dann der eigentliche Punkt:

Irgendwann konnten Menschen ja auch noch keine Worte formulieren. Das ganze Leben geht viel tiefer als Worte, das ist nur ein Werkzeug, das wir benutzen.

Nicci

Wann er zuletzt authentisch war

Wahrscheinlich vor vier Sekunden.

Nicci

Er sagt, die schwierigere Frage wäre, wann er zuletzt nicht authentisch war, weil er das schlicht nicht kann.

Ich muss kotzen, wenn ich irgendwo irgendwas spielen müsste. Ich bin zu alt dafür.

Nicci

Interessant fand ich seine Reaktion auf Menschen, die eine Rolle spielen. Kein Ärger, kein Urteil.

Generell tut es mir leid. Das muss eine schwere Last sein.

Nicci

Was fast niemand sieht

Die meisten sehen ihn den ganzen Tag gut gelaunt und optimistisch durchs Leben rennen. Was sie nicht sehen, ist die andere Seite.

Wenn es mir wirklich schlecht geht, das sehen die wenigsten.

Nicci

Sein Beispiel war frisch: Am Wochenende vor einer Produktionsbesichtigung hatte er eine Lebensmittelvergiftung, hat zwölf Stunden geschlafen, Tee getrunken und noch einmal neun Stunden geschlafen. Am Montag war ein Fotograf dabei.

Ich glaube, der hat sehr wenig glückliche Bilder von mir geschossen. Es ist ein großer Ausnahmezustand, wenn ich mal nicht lache.

Nicci

Sein perfekter Tag

Eisbaden. Sport. An irgendeinem Gemälde rummalen, nebenher Musik oder Podcast. Viel Kaffee. Danach vielleicht Xbox.

Lesen würde er gern mehr, kommt aber kaum dazu.

Podcast hören ist ja quasi wie lesen für Faule.

Nicci

Der Morgen fängt bei ihm mit Liegestützen und Kaffee an, inzwischen kommt ein Gesichts-Eisbad dazu.

Sport gehört zur Arbeit

Ich habe gefragt, ob Sport für ihn Arbeit ist. Ja, sagt er, und zwar im besten Sinn.

Bei allem, beim Sport, beim Malen, beim Eisbaden, gehört Disziplin dazu. Man hat quasi an sich gearbeitet.

Nicci

Was passiert, wenn man eins davon weglässt, auch die kreative Auszeit und den Urlaub, sagt er in einem Satz: Dann brennt man irgendwann aus.

Carpe diem

Der wertvollste Satz kommt bei ihm aus einem Motorradfilm. Der Hauptdarsteller hatte einen Lederpatch hinten auf der Jacke.

Da musste ich erstmal googeln, bevor es Google gab, was carpe diem eigentlich heißt.

Nicci

Inzwischen hat er den Spruch als Bild bei sich hängen. Und er sagt ihn nicht nur.

Die Leute, die mir Rentenversicherungen verkaufen wollen, denen sage ich immer, so weit denke ich gar nicht. Höchstens in Fünf-Jahres-Schritten, aber lieber von Tag zu Tag.

Nicci

Existenzängste hat er trotzdem, sagt er dazu. Nur zieht er einen anderen Schluss daraus: flexibel bleiben und schnell auf die Umwelt reagieren, dann ist man für vieles gewappnet.

Warum er nicht reich werden will

Er zeigt offen, was ein Produkt wirklich kostet, weil Leute in seinen Laden kommen und sich fragen, warum die Socken nicht so viel kosten wie anderswo. Seine Antwort auf die Frage ist eine Garantie: Wenn sie ein Loch bekommen, werden sie getauscht.

Über die Rechnungen sagt er:

Es kommen immer mehr Nullen dazu, was ja sehr erschreckend ist. Aber es zeigt auch, wie schnell man wächst.

Nicci

Und dann kommt der Satz, um den es eigentlich geht:

Ich will lieber nicht so viel Geld haben und davon lieber coole Sachen machen. Dann komme ich nicht auf dumme Gedanken und habe viel Spaß mit meinen Projekten.

Nicci

Er erzählt dazu von einem Mann, der auf dem Sterbebett bedauert hat, dass es nicht für die zweite Million gereicht hat. Die Söhne haben sich über das Erbe gefreut. Gelebt, sagt Nicci, hat er nicht.

Reichtum ist seine Oma

Sie wird 91, ist im Kopf topfit, hat vier Kinder und zehn Enkel.

Das ist wirklich Reichtum, dass man viel Liebe um sich rum hat und viel Zeit, dass man mit denen verbringen kann.

Nicci

Dazu ein Satz, den er Bob Marley zuschreibt, sinngemäß: Reichtum ist das Leben selbst, nicht der Besitz. Oder wie ich es im Gespräch gesagt habe: Das letzte Hemd hat keine Taschen.

Was die Welt besser machen würde

Das ist der Satz, der der Folge den Titel gegeben hat.

Wenn wir weniger gegeneinander schießen, wortwörtlich sogar, und einfach mehr miteinander. Und Geld und Macht nicht so viel Gewichtung geben.

Nicci

Sein Bild dafür ist alt und passt trotzdem: Wenn jeder vor seiner Haustür kehrt, wird es überall ein bisschen sauberer.

Wenn jeder erstmal bei sich im Herzen sauber macht, dann hat es auch wieder Platz für andere.

Nicci

Nachrichten schaut er kaum noch. Nicht aus Desinteresse, sondern weil ihn die Ohnmacht fertigmacht, bei Geld- und Machtproblemen nichts tun zu können.

Das Gedankenexperiment

Ich habe gefragt, was passieren würde, wenn von heute auf morgen kein Geld mehr existiert. Seine Antwort fand ich erstaunlich gelassen.

Erst Panik, sagt er, die erste Zeit wäre hässlich. Und dann:

Wir gehören ja quasi auch zur Natur, und die adaptiert sich immer auf neue Situationen.

Nicci

Ein Punkt daraus ist ihm wichtig: Beschäftigt euch mit der Natur. Er glaubt nicht, dass viele Menschen darin lange und unverletzt überleben würden.

Zurück in die Neunziger

Seine Superkraft wäre etwas mit Zeit. Und er würde nicht kurz gucken und wiederkommen, sondern bleiben.

Die Neunziger, sagt er, aber mit dem Alter, das er heute hat. Berlin, Loveparade, eine Million Leute friedlich auf der Straße. Und Autodesigner in den Achtzigern wäre er auch gern gewesen.

Passend dazu hat er am Sonntag seine alte Super-8-Kamera gefunden, mit dem letzten Tape noch drin. Darauf: Wald- und Wiesenpartys mit Bauwagen.

Niemand hat ein Handy, jeder hat ausgelassen im Sommer gefeiert.

Nicci

Ein abstraktes Bild im Schaufenster

Auf die Frage, was er wäre, wenn er ein Produkt im Schaufenster wäre, kam die ehrlichste Antwort der Folge.

Ich glaube, ich wäre ein ganz abstraktes Bild, wo man nicht weiß, ist das gut oder Kacke.

Nicci

Und auf die Nachfrage, wer ihn dann kaufen soll:

Ich als Produkt müsste noch wissen, was ich wirklich bin. Und der Käufer müsste es auch erstmal rausfinden.

Nicci

Was er seinem jüngeren Ich fühlen lassen würde

Nicht erklären, sagt er, denn erklären bringt nichts. Seine Eltern haben es versucht.

Man muss alles fühlen, gut und schlecht, und dann wird man zu dem Mensch.

Nicci

Wie er aufgewachsen ist, passt dazu. Er und sein Bruder durften den Garten umgraben, betonieren, Lagerfeuer machen und aufs Dach klettern. Die Nachbarn haben regelmäßig bei seiner Mutter angerufen. Sie hat gesagt: Ja, ich weiß.

Und ausgenutzt hat er es nicht.

Wenn es daheim stimmt, dann will man auch nicht draußen rumschlawenzeln. Dann ist daheim am schönsten.

Nicci

Und der Sinn des Lebens

Zuerst kam die 42, von einem ehemaligen Arbeitskollegen. Das passt, denn er hat 2004 tätowiert, und wer genau hinschaut, findet darin die 42. Der Grund für das Tattoo ist schlicht.

Ist eine schöne Zahl und es war ein schöner Sommer.

Nicci

Übrigens ist Nicci derjenige, den Kevin Uhlig in Folge 36 meint, als er auf dieselbe 42 kommt.

Seine ernste Antwort kam danach.

Es kommt Glaube auf jeden Fall Liebe drin vor.

Nicci

Dazu: ein guter Mensch sein, Spaß haben, viel mitnehmen, weil es einen prägt. Und die Hoffnung, am Ende ein inneres, ruhiges Gefühl zu haben, in dem sich die Frage von selbst beantwortet.

Er hat zum Schluss von einem Buch erzählt, dessen Titel er nicht mehr weiß. Ein Gehirnchirurg, der nach einer Infektion im Koma lag und überlebt hat. In seiner Nahtoderfahrung war alles warm und hell, und die Frage nach dem Sinn war einfach beantwortet.

Nicht durch Worte, sondern einfach nur durch das warme Gefühl.

Nicci

Passender hätte diese Folge nicht enden können.


Über den Gast

Nicci betreibt das Nicci Art Studio in Reutlingen-Rommelsbach und die Marke NCCRTS. Montags hat er zu.

Instagram: @niccimayer
Shop: nccrts.com

Die Folge anhören

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