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Tiefer als Worte

Hinweis: In dieser Folge geht es auch um Depressionen und um Suizid. Hör sie bitte nur, wenn du dich sicher genug dafür fühlst. Wenn dir eine Stelle zu nahe geht, darfst du jederzeit pausieren und später weiterhören. Am Ende dieses Beitrags stehen Anlaufstellen, bei denen du dich kostenfrei und rund um die Uhr melden kannst.

Pink und ich kennen uns nicht persönlich. Ich habe einfach angeschrieben und gefragt, ob Lust auf eine Podcastfolge besteht, weil ich Pink für einen sehr interessanten Menschen halte. Wir haben uns also zum ersten Mal in diesem Gespräch kennengelernt, und es ist eines der dichtesten geworden, die ich bisher geführt habe.

Pink lebt in Wuppertal, führt eine Agentur für Grafikdesign in Köln und verbringt viel Zeit in Berlin. Die eigene Vorstellung im Gespräch klingt so:

Ich bin Pink und ich bin Künstlerin, Unternehmerin, Aktivistin, jetzt heute Podcasterin.

Pink

Kunst ist das ganze Leben

Ich wollte wissen, was Kunst für Pink bedeutet, und die Antwort fällt größer aus als erwartet: das ganze Leben. Kleine Alltagsbeobachtungen können Kunst sein. Stille Momente, die so kostbar sind, dass vieles davon bewusst nicht auf Social Media landet.

Und dazu gehört auch ein Gespräch wie dieses.

Das ist gelebte Praxis von Empathie, von Dialog.

Pink

Dazu kommt ein Satz, den ich mir gemerkt habe: Man sollte die Messlatte immer weiter herunterschrauben, dann hat man ein spannenderes Leben. Ein zu großer Anspruch an sich selbst ist bei der Kunst ohnehin die falsche Vorstellung.

Was „tiefer als Worte“ bedeutet

Kunst oder Design und visuelle Bilder, Gefühle, Gerüche, Klänge. Also all das, was wir nicht mit Worten beschreiben können.

Pink

Die Liebe gehört dazu, sagt Pink. Man kann sie beschreiben, aber an dieses intensive Gefühl der Verbundenheit kommt man mit Worten nur heran, nicht ganz hin.

Und es gilt genauso für das Dunkle.

Ich habe mich oft so abgemüht, Depressionen zu beschreiben, oder diese eigenen Ängste, die man dann hat. Manche Dinge muss man erleben, manche hoffentlich auch nicht.

Pink

Wenn jemand im Umfeld Hilfe bräuchte

Wir sind an der Frage hängengeblieben, wie man mit einem Menschen umgeht, von dem man glaubt, dass ihm Hilfe guttäte, dem man das aber nicht einfach sagen kann. Die Antwort beginnt beim Zuhören, und zwar beim echten.

Wirkliches Zuhören ist eine große Kunst. Da geht es nicht nur um Schweigen und mal kurz nicken.

Pink

Das Thema nicht wegdrücken, immer mal wieder nachhorchen, aber niemanden bedrängen. Und dann kommt der Teil, den ich am wichtigsten finde und der in solchen Gesprächen selten so klar gesagt wird: die eigene Grenze.

Auch die beste Freundin, der beste Freund, die Familie können da nicht helfen. Depressionen haben unterschiedliche Ursachen, das geht so tief und ist teilweise wirklich einfach medizinisch behandelbar.

Pink

Die beste Hilfe ist deshalb oft der ehrliche Satz: Hier kann ich nicht weiterhelfen. Aber ich begleite dich.

Was die meisten sehen und was verborgen bleibt

Was die meisten sehen, ist das pinke Dasein. Der Lippenstift. An manchen Tagen sehr grell, und immer eine bewusste Entscheidung.

Ich möchte mich eben nicht mehr verstellen für irgendwen und für die Gesellschaft schon gar nicht.

Pink

Darauf kommen teilweise sehr krasse Reaktionen. Was diesen Menschen verborgen bleibt, ist, dass sich hinter der Fassade, die sie für etwas Fremdes halten, ein ganz normaler Mensch verbirgt. Mit Höhen und Tiefen, mit Widersprüchen und mit Ängsten.

Ich wirke immer sehr selbstbewusst, gerade in der Öffentlichkeit. Aber das bin ich eben nicht, und ich bin auch sehr sensibel.

Pink

Und dann kommt eine Beobachtung, die weit über diesen einen Fall hinausgeht: Hinter Dingen, die leicht daherkommen, und hinter Menschen mit Humor steckt oft eine ziemliche Tiefgründigkeit. Nur will man lieber die pinke Seite sehen als die Schattenseite.

Mensch und Amt

Wir sind bei der Frage gelandet, ob Menschen in öffentlichen Ämtern Gefühle zeigen dürfen. Pink hat nichts dagegen. Der Einwand ist ein anderer.

Wer ein Amt innehat, sollte verstehen, dass es nicht um die eigene Person geht, sondern um dieses Amt. Sich hinzustellen und sich als Mensch missverstanden zu fühlen, während man an andere hohe Anforderungen stellt, ist etwas anderes als Gefühle zu zeigen.

Und Pink zieht daraus keine Distanz, sondern das Gegenteil: Ein Bier trinken gehen würde funktionieren. Das direkte Gespräch ist ohnehin das, was zählt.

Am besten noch analog im echten Leben.

Pink

Pinker Populismus

Pink macht Plakate. Pink, Frakturschrift, bewusst zugespitzt, teilweise beleidigend. Ich wollte wissen, warum.

Das mache ich, um überhaupt erst einmal Aufmerksamkeit zu bekommen. Gewisse Themen dringen gar nicht durch.

Pink

Die Begründung dahinter ist erstaunlich nüchtern. Wenn eine Partei mit Populismus wahnsinnig erfolgreich ist, kann man nicht die zehnte Abstimmungsschleife drehen und noch einmal prüfen, ob alles sensibel genug abgeklopft wurde.

Hinter den Plakaten stehe nur ich. Da steht keine Partei dahinter.

Pink

Vieles davon ist ausdrücklich ein Experiment mit sich selbst. Was traue ich mich, was haue ich raus, auch wenn es meinem eigenen Qualitätsanspruch noch nicht genügt. Wenn etwas daraus entsteht, wird es überarbeitet.

Und der Sinn ist nicht das Plakat, sondern was danach passiert: Es wird darüber gesprochen. Oder besser: miteinander.

Die pinke Fahne vor der Grundschule

Zur Bundestagswahl war Pink mit einer pinken Fahne unterwegs, auf der „Vote Love“ stand. Für einen Videodreh am Rathaus reichten keine fünf Minuten, um etliche Stinkefinger einzusammeln. Gelesen hatte niemand, was daraufstand.

Vor der Grundschule, in der die Stimme abgegeben wurde, kam dann ein Mann und fragte, warum das keine Deutschlandfahne sei. Daraus wurde ein viertelstündiges Gespräch.

Ich konnte diesen Menschen nicht bekehren, das ist auch nicht mein Ziel. Aber ich wollte signalisieren: ich höre dir zu. Du hast Fragen, ich erkläre es dir gerne, mach mit der Info, was du machen möchtest.

Pink

Diese Viertelstunde nennt Pink ein soziales Kunstwerk. Und ich finde, das trifft es.

„Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein“

Ich habe diesen Satz einfach in den Raum gestellt und gefragt, wie das ankommt. Die Antwort kam ohne Umschweife.

Ich kann Menschen, die sagen, ich bin stolz, ein Deutscher oder eine Deutsche zu sein, ehrlich gesagt nicht ernst nehmen. Nicht, weil man sich für Deutschland schämen müsste.

Pink

Die Begründung ist die Nähe der eigenen Geschichte. Sie ist keine hundert Jahre weg. In der eigenen Familie lebt noch jemand, der damals in den Krieg gezogen ist, und mit dem Pink im Gespräch bleibt. Genau daran wird diese Nähe spürbar.

Was Pink dagegen ohne Weiteres sagen würde: Ich liebe es, in Deutschland zu leben.

Und dann kommt die Ausnahme, die den ganzen Gedanken trägt. Ein Freund, der aus Somalia hierher geflüchtet ist und die deutsche Staatsangehörigkeit inzwischen hat.

Wenn er sagt, ich bin stolz, ein Deutscher zu sein, ist das ein völlig anderer Kontext. Er ist einer der wenigen, die das sagen dürfen, weil sie so einen Leidensweg hinter sich haben.

Pink

Und eine Einordnung gehört dazu, die Pink selbst nachschiebt: Es ist eine Meinung, andere dürfen eine andere haben, und sagen darf den Satz natürlich jeder.

Schuld und Verantwortung

Ich bin nicht schuldig für das, was damals passiert ist. Aber ich würde mich schuldig machen, wenn wir jetzt nichts tun.

Pink

Der Blick geht dabei ausdrücklich auf die junge Generation, die genauso unschuldig ist und sich trotzdem, oder gerade deshalb, intensiver mit der Geschichte befassen sollte, um eigene Schlüsse zu ziehen.

Und dazu gehört auch, wie man das durchhält. Nicht dauerbesorgt sein, nicht resigniert den Kopf in den Sand stecken, Pausen machen.

Ich versuche, es eben nicht als Kampf zu machen, sondern mit Lebensfreude, mit Party, mit künstlerischem Ausdruck, mich mit anderen Menschen zu verbinden. Das ist ein Marathon.

Pink

Liebe als politische Praxis

Auf die Frage, was lange nicht ausgesprochen wurde, kommt sofort das Dauerthema: Liebe. Und zwar nicht die, die man erwartet.

Pink verweist auf die Autorin und Aktivistin bell hooks, die Liebe als politische Kraft versteht. Gemeint ist also nicht die exklusive romantische Paarbeziehung.

Liebe ist eine politische Praxis. Sich mit anderen Menschen verbinden, mit Empathie, aneinander wachsen, sich zuhören, solche Gespräche führen.

Pink

Das Gegenteil davon ist für Pink der Kapitalismus, und diese Einordnung fällt sehr persönlich aus. Man muss kein kompletter Aussteiger werden, sagt Pink, aber man kann einen Schritt zur Seite treten und überlegen, was wirklich wichtig ist.

Was dann bleibt, ist klein und konkret. Ein freundlicher Gruß beim Bäcker. Ein Scherz an der Kasse. Ein Kompliment für den Lippenstift.

Jeder kriegt gerne Komplimente, ich verteile unglaublich gerne Komplimente. Und das ist gelebte Liebespraxis.

Pink

Der Satz, der ein Leben gerettet hat

Auf die Frage nach dem wertvollsten Satz kommt eine Antwort, die kurz ist und alles enthält.

Glaub nicht alles, was du denkst.

Pink

Pink erzählt dazu von einer Zeit, in der der Wunsch da war, sich das Leben zu nehmen, und das Erschreckende daran war, dass es sich nicht nach den eigenen Gedanken anfühlte.

Ich hatte noch ganz vage im Kopf: das sind nicht meine realen Gedanken. Ich bin voller Lebensfreude, ich bin glücklich, ich liebe diese Welt.

Pink

Der Satz stammt aus einem Buch von Kurt Krömer, erfunden hat ihn Pink nicht, gerettet hat er trotzdem. Auf Spaziergängen, draußen in der nebligen Natur, wurde er wie ein Mantra wiederholt.

Es gibt schönere Sätze und viele wichtige Sätze. Aber das ist für mich der wertvollste, weil er mir das Leben gerettet hat.

Pink

Der Hinweis am Anfang dieses Beitrags kam übrigens genau hier zustande. Pink hat mitten im Gespräch gesagt, dass es dafür eine Warnung braucht, und recht gehabt.

„Schieb es nicht auf deine Kinder“

Es gibt Menschen, die im echten Leben ansprechen, ob dieser Lippenstift denn sein muss, weil die eigenen Kinder das sehen. Die Antwort darauf sitzt.

Ich sage, das ist super, dass deine Kinder das sehen. Ich hätte es auch gerne als Kind gesehen. Und schieb es nicht auf deine Kinder, die haben nämlich überhaupt kein Problem. Du hast das Problem, und ich bin auch nicht das Problem, ich bin dein Spiegel.

Pink

Diskutiert wird mit diesen Menschen nicht. Und auch nicht mit denen, die hinterher sagen, ach so, wenn man es mir so erklärt, dann verstehe ich das.

Ich bin nicht der Erklärbär. Ich bin nicht für meine Existenz verantwortlich und ich muss sie auch nicht der ganzen Welt erklären.

Pink

Was dagegen sehr wohl wichtig ist: dass überhaupt gesprochen wird. Nicht, um jemanden zu überzeugen, sondern damit andere Menschen sehen, dass es geht.

Empathie ist ein Werkzeug

Was die Welt zu einem besseren Ort machen würde, ist für Pink schnell beantwortet.

Wenn wir uns wieder viel mehr mit Empathie begegnen. Das ist der Grundmodus, aber der wird manchen Menschen regelrecht abtrainiert.

Pink

Zu wenig Zeit, zu viel Arbeit, zu viele Sorgen, und dann soll man auch noch empathisch sein mit Menschen, die man gar nicht kennt. Da sei schon eine Grundaggression da, bevor man den anderen überhaupt angeschaut hat.

Und dann kommt das Argument, das der Folge ihren Titel gibt, und es ist absichtlich unromantisch.

Wenn man es mit kapitalistischer Sicht sagen möchte: Ohne Empathie macht man keine guten Geschäfte.

Pink

Im Beruf ist Empathie selbstverständlich. Man versetzt sich in einen Kunden hinein, den man kaum kennt, dann in dessen Zielgruppe. Man ist die ganze Zeit empathisch.

Das ist ein Werkzeug, ein kapitalistisches Werkzeug. Und das sollten wir dann bitte auch im Privatleben ausüben.

Pink

Es fängt im Kleinen an. Viele sagen, sie hätten keine Lust auf Smalltalk. Für Pink ist genau das der soziale Kitt und oft der Beginn eines interessanten Gesprächs.

Das Handy weglegen

Dazu gehört, im Zug die Kopfhörer abzunehmen. Niemand muss mit jedem reden, jeder hat ein Recht auf Ruhe, aber es sind eben öffentliche Orte, an denen etwas entstehen kann.

Pink nennt das eigene Gegenmittel zur ständigen Erreichbarkeit: viel für Social Media produzieren, statt dort zu hängen. Und beim Spazierengehen bleibt das Handy zu Hause, eine Uhr reicht.

Es ist wirklich Selbstschutz. Niemand muss mich erreichen, wenn ich eine Stunde mit meinem Hund im Wald bin.

Pink

Denn sonst verhindert es genau das, worum es geht: empathisch auch mit der Natur zu sein und zu schauen, was da eigentlich ist.

Die Zeitmaschine

Die Frage stammt vom Gast davor: Wenn du eine Zeitmaschine hättest, wohin würdest du reisen? Die Antwort ist überraschend nah.

Ins Berlin der 1920er Jahre. Nicht, weil es hübsch aussieht, sondern weil dort für eine kurze Zeit ein progressives, fast utopisches Leben möglich war, in dem auch trans Menschen sehr viel selbstverständlicher lebten als später.

Und dann, sagt Pink, würde man zurückkommen und die Leute warnen. Denn die Parallelen sind erschreckend, und in queeren Räumen ist davon mehr spürbar als anderswo.

Wem macht es denn am meisten Angst? Den Menschen, die es am schnellsten betreffen wird.

Pink

In die Zukunft zu reisen, reizt dagegen überhaupt nicht. Zu viel Überraschung. Und noch einmal sechzehn sein auf gar keinen Fall.

Ich fühle mich so jung wie noch nie.

Pink

Eine Barbie mit Bart

Die Schaufensterfrage findet Pink erst einmal fast zu kapitalistisch. Dann kommt trotzdem eine Antwort, und zwar eine gute.

Ich wäre eine trans Barbie. Eine Barbie mit Bart und schönen blonden langen Haaren und einem pinken Glitzerkleid.

Pink

Kaufen soll sie, wer Lust darauf hat. Eine Zielgruppe, da waren wir uns einig, findet sich.

Was Pink dem jüngeren Ich fühlen lassen würde

Wie toll es ist, Pink zu sein. Einfach dieser Mensch zu sein, der jetzt hier steht und alles fühlen darf und nicht mehr so viel Ängste hat.

Pink

Ein glückliches Kind war da, sagt Pink, es war nicht alles Mist. Aber ein großer Teil von dem Menschen, der heute da ist, war schon damals vorhanden und wurde weggedrückt. Nicht von einzelnen Menschen, nicht von den Eltern, sondern von einer Gesellschaft, die nur zwei Schubladen kennt.

Spürbar wird dieser Schmerz heute beim Lesen des eigenen Tagebuchs aus Kindertagen. Der Satz, der dorthin zurückgehen soll, ist einfach.

Es ist toll, so wie du bist. Und das bist du.

Pink

Der Sinn des Lebens

Der Sinn des Lebens ist, glücklich zu sein. Und der Sinn des Lebens sind wir selber.

Pink

Kein Zustand, den man erreicht und dann ist alles gut. Sondern etwas, das man jeden Tag neu findet.

Jeden Tag muss man den Sinn dieses Tages empfangen oder sich erarbeiten und sich zumindest bewusst sein, was das für ein kostbarer Schatz ist. Denn übermorgen kann es schon vorbei sein.

Pink

Eine Frage an dich

Am Ende der Folge hat Pink eine Frage an alle Zuhörenden gestellt, und ich gebe sie hier genauso weiter.

Was hast du heute schon für die Demokratie getan, und was wirst du morgen für unsere Demokratie tun?

Pink

Schreib es gern in die Kommentare. Pink liest mit.


Über den Gast

Pink lebt in Wuppertal, führt eine Agentur für Grafikdesign in Köln und ist künstlerisch und politisch aktiv. Dazu gehören Plakate, Aktionen im öffentlichen Raum und eine ganze Menge Lippenstift.

Instagram: @amore.digga

Die Folge anhören

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