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Tiefer als Worte

Rosa Maria Roller ist seit 24 Jahren Heilpraktikerin. Kennengelernt haben wir uns auf der Buchmesse, wo wir gemeinsam eine Lesung gehalten haben. Sie hat als Erste vorgelesen, und was dabei passiert ist, erzähle ich weiter unten. Vorher muss ich von einer Creme erzählen.

Eine Creme im goldenen Tiegel

Rosa hatte als Kind Sommersprossen. In ihrer Familie galten die als Makel. Also bekam sie eine Creme. Schwanenweiß hieß sie, goldener Tiegel, ein Schwan auf dem Deckel. Vom hässlichen Entlein zum Schwan. Die Creme sollte die braunen Flecken wegbleichen.

Sie half nicht. Danach kam eine Thuja-Tinktur, die ihrerseits braune Flecken hinterließ. Am Ende sah sie schlimmer aus als vorher, und in der Schule wurde sie darauf angesprochen.

Das war wirklich schlimm, so den Stempel aufgedrückt zu bekommen: So wie du bist, das ist hässlich.

Rosa Maria Roller

Was mich an ihrer Erzählung am meisten beschäftigt hat, ist der Satz danach. Sie verurteilt ihre Eltern nicht. Ihr Vater hatte Angst. Für ihn war das ein Makel, und er sorgte sich, seine Tochter würde keinen Mann finden. Er wollte das Beste für sie und richtete Schaden an. Beides ist wahr.

Glaubenssätze werden weitergereicht

Der Vater hatte seine Überzeugungen ja auch von irgendwoher. Sätze wandern von Generation zu Generation, und irgendwann hält man sie für die eigene Meinung.

Rosa sagt, als Kinder machen wir das Herz zu, weil vieles weh tut und wir auf Zuwendung angewiesen sind. Also funktionieren wir. Wir wollen nicht anecken. Wir wollen gesehen werden. Und genau dadurch werden wir es nicht.

Man will Anerkennung, man will gesehen werden, was dadurch aber gar nicht passiert.

Rosa Maria Roller

In der Pubertät hat sie es andersherum versucht. Früh geschminkt, die engste Hose. Nicht sie selbst sein, sondern jemand sein.

Der wertvollste Satz

Ich frage jeden Gast nach dem wertvollsten Satz, den er je gehört hat. Rosa musste nicht überlegen: Du bist großartig. Wer jahrzehntelang mit dem Gegenteil unterwegs war, hört darin kein Kompliment, sondern eine Korrektur.

Und dann ist da die Sache mit dem Tattoo. Bei der Lesung las Rosa einen Satz vor: Leave it, love it or change it. Ich saß da und habe sie angeschaut. Denselben Satz trage ich auf dem Fuß tätowiert, gestochen in Florenz, von einem Tätowierer aus Urach. An dem Tag kam ich nicht mehr dazu, es ihr zu sagen. Am nächsten Morgen habe ich ihr ein Foto geschickt.

Reichtum ist ein halbes Brot und zwei Äpfel

Reichtum bedeutet für sie innere Erfülltheit. Familie, Umfeld, Arbeit, der Ort, an dem sie lebt.

Das könnte ein Kalenderspruch sein. Ist es aber nicht, weil sie den anderen Teil dazusagt. Es gab eine Zeit, da konnte sie kein Kilo Äpfel kaufen und kein ganzes Brot. Sie kaufte ein halbes Brot und zwei Äpfel, als ihre Tochter krank war. Dahin will sie nicht zurück. Das finanzielle Polster gehört für sie dazu.

Wer beide Seiten kennt, redet anders über Fülle als jemand, der immer genug hatte.

Zum Schluss frage ich sie, was sie ihrem jüngeren Ich nicht erklären, sondern fühlen lassen würde. Sie würde das Mädchen mit den Sommersprossen in den Arm nehmen und ihm sagen: Es ist alles gut, du bist gut so wie du bist, und ich liebe dich.


Über den Gast

Rosa Maria Roller ist seit 24 Jahren Heilpraktikerin mit eigener Praxis. Neben ihrer Haupttätigkeit arbeitet sie auch als Coach. Sie hat drei Kinder und sechs Enkelkinder.

Instagram: @rosa_roller4
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