Sarah ist 33, hat zwei kleine Kinder und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Reutlingen. Sie ist Yogalehrerin, steht seit vierzehn Jahren als Kurstrainerin vor Gruppen, arbeitet in einer Praxis und bietet Kräuterwanderungen an. Ich war bei einer dabei.
Sie und ihr Mann leben bewusst naturverbunden und versuchen, zurück zu den Wurzeln zu gehen. Ernährung spielt bei ihr eine große Rolle, und dazu gehört, was sie ihren Kindern mitgeben will.
Was „tiefer als Worte“ für sie ist
Alles, was hinter dem gesprochenen Wort steht. Mimik, Gefühle, die energetische Ebene.
Wenn ich jemanden mir gegenüber habe, dann braucht es manchmal gar keine Worte. Entweder man versteht sich, oder man kann sich irgendwie nicht riechen.
Sarah
In ihren Yogastunden merkt sie es besonders. Ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit entsteht nicht durch Erklärungen.
Die Geburt, bei der niemand kam
Auf die Frage, wann sie zuletzt etwas zum ersten Mal gemacht hat, kam eine Geschichte, bei der ich Gänsehaut bekommen habe.
Ihre zweite Tochter kam bei ihnen zu Hause zur Welt. Sie hatten sich bewusst für eine Hausgeburt entschieden. Nur ging alles so schnell, dass die Hebamme es nicht rechtzeitig schaffte. Die Strecke von der Alb herunter hat Funklöcher, also brach auch die telefonische Begleitung immer wieder ab.
Wir waren ganz alleine in unseren eigenen vier Wänden.
Sarah
Was sie beschreibt, ist keine Panik, sondern das Gegenteil davon.
Uns hat beiden so eine Ruhe eingesetzt. Wir wussten irgendwie ganz genau: Wenn wir jetzt in Stress oder in Panik verfallen, dann geht das Ganze schief.
Sarah
Die Hebamme kam etwa eine halbe Stunde später, da war die Tochter schon da. Sarah ist stolz darauf, und das darf sie auch sein. Wichtig ist ihr und mir dabei eines: Das ist keine Empfehlung. Wir haben im Gespräch beide gesagt, dass wir das niemandem raten würden.
Mallorca, eine Bühne und 200 Leute
Kurz nach dem Studium kam auf einer Fitnessmesse die Einladung, im Ausland zu arbeiten. Sie hat sofort zugesagt, ohne lange nachzudenken.
Auf Mallorca stand sie dann vor Dingen, die sie hier nie gemacht hätte. Moderation vor zweihundert Leuten. Kinderdisco. Aqua Fitness mit fünfzig Menschen im Becken, während sie am Beckenrand die Bewegungen vormachte. Lampenfieber war da, aber es wurde mit jedem Tag selbstverständlicher.
Was geblieben ist, sind die Hotelbewertungen, in denen Gäste ihren Namen geschrieben haben.
Das Yoga bei Sarah war eine der tollsten Erfahrungen meines Lebens. Solche Sachen bleiben im Herz.
Sarah
Was die meisten nicht sehen
Sie hat mal gesagt bekommen, dass es ist, als ginge die Sonne auf, wenn sie einen Raum betritt. Für sie eines der schönsten Komplimente ihres Lebens.
Was die Leute dagegen nicht sehen:
Ich bin auch unsicher, ich bin auch nicht perfekt. Ich kann dir nicht jedes Grünzeug auf der Wiese bestimmen. Aber ich bin ganz gut darin, das zu überspielen.
Sarah
Ihr Beispiel dafür war ausgerechnet die Kräuterwanderung, bei der ich dabei war. Es war erst ihre zweite, und sie ist auf dem Gebiet nicht ausgebildet, sondern hat es sich selbst angelesen. Gemerkt habe ich davon nichts.
Der Satz, den sie weitergibt
Du bist kein Baum, du hast keine Wurzeln. Und wenn es dir irgendwo nicht gefällt, dann beweg dich.
Sarah
Sie weiß nicht mehr, von wem sie ihn hat, aber sie gibt ihn seit Jahren weiter. Kurioserweise trägt Die Clementa aus Folge 42 fast denselben Satz in ihrem Bühnenprogramm.
Ihr Punkt dabei ist nicht Auswandern. Viele sagen, hier sei alles schlecht, und wollen weg.
Bau dir das Leben auf, das dir wirklich gefällt. Da hindert dich keiner dran. Oder ändere etwas um dich herum.
Sarah
Reichtum heißt Familie und Heimat
Sie hat eine sehr große Familie, und da kommt sie immer wieder hin zurück. Sie liebt das Reisen und hat im Ausland gearbeitet, aber auswandern könnte sie sich nicht vorstellen.
Reichtum ist für mich meine Heimat und meine Familie.
Sarah
Bei den drei wertvollsten Dingen wurde es dann sehr konkret und sehr sympathisch: ihr Fahrrad, weil es für sie Freiheit und Unabhängigkeit bedeutet und sie damit die Kinder mitnehmen kann. Ihre Tiere, Hunde, Hühner und Schildkröten, bei denen sie mit dem Kaffee sitzt und ganz bei sich ist. Und ihr Taschenmesser.
Ich habe in jeder Tasche ein Taschenmesser.
Sarah
Was sie für die Demokratie tut
Die Frage kam vom vorherigen Gast, und Sarahs Antwort war kurz.
Ich bin nett zu meinen Mitmenschen, egal was die gerade durchmachen.
Sarah
Demokratie ist für sie nicht nur Politik, sondern wie wir miteinander umgehen. Was sie in dem Zusammenhang wütend macht, sind Hasskommentare unter Videos, geschrieben, nur um das Maul aufgemacht zu haben.
Wenn du nett zu deinen Mitmenschen bist, bringst du sie vielleicht auch dazu, nett zu anderen zu sein. Das ist ein Funke, der zu einer Flamme werden kann.
Sarah
Dazu gehört für sie, dass man diskutieren kann, ohne sich niederzumachen. Sie muss nicht dasselbe glauben wie ihr Gegenüber und auch nicht dieselbe politische Einstellung haben.
Warum sie Nachrichten weglässt
Sie schaut keine Nachrichten. Nicht aus Desinteresse, sondern weil sie gemerkt hat, was es mit ihr macht.
Wir Menschen sind nicht dazu gemacht, das ganze Leid der Welt zu tragen.
Sarah
Ihr Bild dafür: Vor ein paar hundert Jahren hatten Menschen ihre Familie, ihr Dorf und das, was sie zu Fuß erreichen konnten. Sie sagt selbst, dass es nicht falsch ist, sich mit dem Weltgeschehen zu befassen, weil es uns ja betrifft. Nur eben nicht bis zur Erschöpfung.
Das Schlimmste ist die Einsamkeit
Hier ging es am tiefsten. In ihrer Praxis hat sie viel mit älteren Menschen zu tun, die ihren Partner verloren haben und allein leben. Die Enkel kommen nicht, die Kinder sind weggezogen.
Da spüre ich den allermeisten Schmerz und das Bedürfnis, wirklich reden zu wollen.
Sarah
Sie denkt dabei auch an Menschen, die aus der Gesellschaft herausfallen. Einer ihrer besten Freunde ist vierzig und sitzt im Rollstuhl, er kam mit einer Behinderung zur Welt. Wenn sie mit ihm unterwegs ist und sieht, wie Leute reagieren oder eben gerade nicht reagieren, macht sie das traurig.
Eine Gesellschaft besteht für mich immer aus allen Teilen. Und wenn manche von diesen Teilen nicht dazugehören, dann werden sie einsam.
Sarah
Ihre Antwort darauf: Gemeinschaft
Man sagt immer, zum Kindererziehen braucht man ein Dorf.
Sarah
Die Oma hier, die Tante da, die Nachbarin mit drei eigenen Kindern, der eine hat eine Kuh, der andere ein Schwein, dann wird getauscht. Sie findet, wir entfernen uns davon. Jeder im abgeschotteten Haus mit Garten drumherum, und bloß soll keiner reingucken.
Wir sind soziale Wesen, wir sind keine Einzelgänger. Wenn man es schafft, sich eine Community zu schaffen, dann ist man niemals einsam.
Sarah
Dazu ihre Idee von Generationenhäusern, in denen Ältere und Kinder zusammenleben. Viele können sich das heute gar nicht mehr vorstellen.
Alles Wissen, das gerade verschwindet
Ihre Superkraft wäre, alle Sprachen der Welt zu können. Nicht als Kunststück, sondern um sich überall mit jedem unterhalten zu können, auch mit Menschen hier, die noch nicht gut Deutsch sprechen. Da kämen die spannendsten Geschichten raus.
Und daran hängt ein zweiter Gedanke, der ihr wichtig ist:
Das alte Wissen darf nicht verloren gehen.
Sarah
Wer kann noch ordentliches Brot backen. Wer kann Tomaten vorziehen. Wer weiß, was man gegen Ungeziefer macht oder wie der Fleck aus der weißen Hose geht. Häkeln und Stricken zählt sie dazu, für sie eine Art Meditation.
Eine Schachtel Eier
Auf die Frage, was sie wäre, wenn sie ein Produkt im Schaufenster wäre, kam die für mich ungewöhnlichste Antwort, die ich bisher bekommen habe.
Ihre Begründung: Eier gab es immer, sie sind unglaublich nährstoffreich und maßlos unterschätzt. Sie kauft selbst am meisten davon, obwohl sie Hühner haben. Die legen nur nicht genug.
Wenn Geld eine Person wäre
Für sie ist Geld einfach eine Zahl. Die Person vor der Tür wäre entsprechend nichts Schönes, eher etwas Dunkles. Sie hat kein Problem mit Geld, wir brauchen es, aber mögen tut sie es nicht, und wie viel jemand hat, ist ihr egal. Ihren Kindern will sie beibringen, dass es Wichtigeres gibt.
Kaffee trinken würde sie mit ihr trotzdem.
Was sie ihrem jüngeren Ich fühlen lassen würde
Dass man immer wertvoll ist, egal was man hat oder was man weiß.
Sarah
Sie war auf dem Gymnasium, und um sie herum war vieles möglich, was bei ihr zu Hause nicht selbstverständlich war. Daran hat sie damals geknabbert. Heute würde sie ihrem jüngeren Ich gern spüren lassen, dass sie stolz sein darf auf das, was sie sich selbst erarbeitet hat, und dass sie wertvoll ist, egal in welchen Kreisen sie sich bewegt.
Und der Sinn des Lebens
Eine ganz tiefe Zufriedenheit in sich zu haben. Und ich meine gar nicht Perfektionismus.
Sarah
Auch zufrieden sein, wenn es gerade nicht gut läuft. Es gibt hell und dunkel, das eine kann ohne das andere nicht existieren. Wenn sie es schafft, sich an einem schlechten Tag da rauszuholen und trotzdem eine tiefe Zufriedenheit für ihr gesamtes Leben zu spüren, dann hat sie den Sinn ziemlich gut getroffen.
Zum Schluss hat sie noch etwas gesagt, das ich hier stehen lasse, weil es nicht nur um diesen Podcast geht:
Es ist so schön, wenn jemand echtes und ehrliches Interesse an dir hat und dich auch wirklich mal ausreden lässt.
Sarah
Über den Gast
Sarah ist Yogalehrerin und Kurstrainerin, arbeitet in einer Praxis und bietet Kräuterwanderungen rund um Reutlingen an.
Instagram: @gesund_mit_sarah
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