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Tiefer als Worte

Sunita Sukhana ist Autorin, Podcasterin und Bookstagrammerin. Ihr Thema liegt genau dort, wo Literatur und Migration sich treffen: Bücher aus Ländern, über die hier selten jemand liest. Kennengelernt haben wir uns über Bärbel, die meinte, wir zwei müssten mal reden.

Ihr Buch handelt von der Reise ihres Vaters von Indien nach Deutschland, festgehalten mit ihren eigenen Gedanken dazwischen. Mich hat es schon beim ersten Satz erwischt.

Was „tiefer als Worte“ für sie bedeutet

Dinge, die man nicht in Worte fassen kann. Und dann, sagt sie, über genau diese Dinge zu reden, sei verdammt schwer.

Als Autoren versuchen wir das ja alle. Aber wenn wir es nicht versuchen, haben wir dann überhaupt irgendwas?

Sunita Sukhana

Bei ihr sind das vor allem drei Themen: Herkunft, Heimat, Mutterschaft.

Ist Indien Heimat?

Ihre Antwort ist klarer, als man erwartet: nein. Früher war sie jedes Jahr dort, solange die Großeltern lebten, heute seltener.

Heimat ist für sie die Familie vor Ort, nicht das Land. In Indien selbst sticht sie heraus, sie und ihre Mutter sehen nicht indisch aus, und bei einem Besuch im Jahr bleibt es ein Urlaub.

Der Teil von Indien, der mein Vater ist, das ist die Heimat. Den Rest nehme ich eher wahr wie ein Tourist.

Sunita Sukhana

Alles hat einen Grund

Im Buch zieht sich ein Gedanke durch, den sie von ihrem Vater hat. Ihre Familie wirkt zunächst von Katastrophen verfolgt. Dann kippt der Blick: Wäre eine davon nicht passiert, hätten ihre Eltern sich nie getroffen und sie würde nicht existieren.

Genauso denkt sie über ihr eigenes Leben. Sie fragt nicht, warum jemand böse war, sondern was der Grund im Ganzen ist.

Sie hängt aber sofort einen Satz an, der mir wichtig erscheint:

Es gibt natürlich einfach miese Dinge, die passieren. Das ist bescheuert, und man darf sich darüber aufregen.

Sunita Sukhana

Und sie sagt dazu, dass nicht jeder sich so durch Situationen schlängeln kann wie ihr Vater. Der ist ein Überlebenskünstler, und er ist ein großer, breiter Mann. Manche Probleme treffen ihn deshalb gar nicht erst.

Hauptsache, es funktioniert

Das ist die Mentalität, die er mitgebracht hat. Ein Auto darf klappern, solange es fährt. Es gibt immer einen Weg.

In Deutschland erlebt sie das Gegenteil. Hier muss alles korrekt sein und vor allem gut aussehen.

In Indien sehen die Sachen vielleicht furchtbar aus, aber sie funktionieren genauso.

Sunita Sukhana

Ihr Beispiel ist der Verkehr. Alle fahren kreuz und quer, Kühe laufen über die Straße, alles hupt. Und es passiert erstaunlich wenig, weil die Leute damit umgehen können und das Hupen eine eigene Sprache ist.

Bei uns ist so wichtig, wie es nach außen scheint. Und wenn etwas kaputt ist, kehrt man es lieber unter den Teppich.

Sunita Sukhana

Zusammenhalt und Vereinsamung

Beim Schreiben hat sie mit vielen Menschen gesprochen, deren Familien anderswo herkommen, und überall dasselbe gehört: Großfamilie, enges Zusammenleben, man kümmert sich.

Hier dagegen sind es die Eltern und das Kind, und alle anderen sind weit weg.

Und dann kommt die Wendung, mit der die Folge beginnt. Als sie auf die Alp gezogen ist, hat ihre Mutter gewarnt:

Zieh nicht dahin, du vereinsamst da, du brauchst Menschen um dich herum.

Ihre Mutter

Das Gegenteil ist passiert.

Ich habe noch nie so nah mit Menschen gelebt wie in so einem kleinen Dorf.

Sunita Sukhana

Eine Freundin kam über Weihnachten und hat das Haus geheizt, weil die Heizung kaputt war. So etwas kannte sie aus der Stadt nicht. Über Generationen hinweg, sagt sie, und weil eben nicht alles einfach verfügbar ist.

Wer sie ist, wenn niemand zuschaut

Sweatpants, weites Shirt, auf der Couch, ein Buch in der einen Hand, die andere in der Chipstüte.

Sunita Sukhana

Sie sagt, sie sei introvertierter, als sie von außen wirkt. Leute halten sie für sehr sozial und gut vernetzt, dabei ist sie völlig in Ordnung damit, allein herumzuhängen.

Was sie von ihrem Kind lernt

Kinder haben noch ein Gespür dafür, wann etwas zu viel ist, und sagen es. Sie trinken, wenn sie durstig sind, und essen, wenn sie hungrig sind, egal welche Uhrzeit.

Warum sollten wir uns als Erwachsene nicht auch zurücknehmen, wenn es zu viel wird?

Sunita Sukhana

Sie merkt, dass sie im Alltag genau dieses Gefühl manchmal verliert und erst abends bemerkt, dass sie zu wenig getrunken hat. Und wenn sie wegen ihres Kindes aus einer Situation herausgeht, tut ihr die Ruhe oft selbst gut.

Das, worüber niemand spricht

Auf die Frage, ob es etwas gibt, das sie lange nicht ausgesprochen hat, holt sie tief Luft und erzählt von PCOS. Bisher wussten nur ganz enge Menschen davon.

Es gibt ein Thema, von dem viele Frauen betroffen sind, und niemand redet darüber.

Sunita Sukhana

Sie beschreibt es als hormonelle Sache: etwas mehr Testosteron als der Durchschnitt, möglicher stärkerer Haarwuchs, Zysten. Auffallen tut es oft erst, wenn jemand schwanger werden will. Etwa jede fünfte Frau ist betroffen.

Als sie es erfahren hat, hat sie sich allein gefühlt. Dann hat sie im Netz Menschen gefunden, die darüber sprechen, und gemerkt, wie sehr das hilft.

Sie legt Wert darauf, dass es komplexer ist als das eine Symptom, über das ihre Ärztin damals gestolpert ist. Es gibt Frauen, die operiert werden müssen, es gibt Zusammenhänge mit Insulin. Sie will nichts vereinfachen.

Vorgeschlagen wurde ihr eine hormonelle Behandlung oder künstliche Befruchtung. Sie wollte das nicht und hat stattdessen ihre Ernährung umgestellt. Es hat etwa ein Jahr gedauert, dann hat es funktioniert.

Was sie dabei geärgert hat: Rezepte für ihren Weg gab es praktisch nicht, sie musste auf Rezepte für Diabetiker ausweichen. Eine App mit Ernährungsplan hätte ihre Ärztin verordnen müssen, hat es aber nicht getan.

Gleichzeitig werden einem Hindernisse in den Weg gelegt und man wird allein gelassen.

Sunita Sukhana

Ihr Punkt ist nicht der eigene Weg, sondern die Entscheidungsmacht. Wer nichts weiß, stimmt einfach zu.

Und noch etwas hat sich dadurch verschoben:

Wer sagt denn, du musst so viel Östrogen und so viel Testosteron haben, um eine Frau zu sein?

Sunita Sukhana

Wer sich darin wiederfindet: Sie sagt, auf Instagram nach PCOS zu suchen sei ein guter Anfang, dort machen einige Accounts richtige Aufklärungsarbeit. Und man darf sich bei ihr melden, sie freut sich über den Austausch.

Tagebuch und Sprachmemos

Sunita schreibt Tagebuch, seit sie achtzehn ist. Seit einiger Zeit macht sie das auch als Sprachmemos und hört sie ein Jahr später wieder an.

Du hörst, wie verzweifelt du über irgendetwas warst, und sechs Monate später spielt es überhaupt keine Rolle mehr.

Sunita Sukhana

Sie sagt, das hat mehr zu ihrer Gelassenheit beigetragen als alles andere. Wenn sie ihre Einträge von vor ein paar Jahren liest, denkt sie: Mädchen, krieg dich wieder ab, es wird alles okay sein.

Reichtum ist ein Sicherheitsgefühl

Ihr Verhältnis zu Geld nennt sie zwiespältig. In ihrer Kindheit war nicht immer viel da, und die Angst davor ist geblieben.

Reichtum ist für sie deshalb kein Auto.

Als ich das erste Mal einen Vollzeitjob hatte und einkaufen gehen konnte, ohne bei jedem Produkt zu rechnen, da habe ich mich ziemlich reich gefühlt.

Sunita Sukhana

Bücher sind kein Luxus

Beim Luxusartikel widerspricht sie der Frage.

Für mich sind Bücher lebensnotwendig. Bücher haben mir schon das Leben gerettet.

Sunita Sukhana

Sie sucht nach günstigen Angeboten, verzichten wird sie nie.

Teleportieren

Die Superkraft kommt ohne Zögern. Ihre Familie ist in Indien, die ihres Mannes in den USA, und alle Urlaube sind Familienbesuche.

Dann hätte ich noch Zeit, auch mal wirklich in den Urlaub zu fahren.

Sunita Sukhana

Ein Streichholz

Sich selbst als Produkt im Schaufenster zu sehen, findet sie merkwürdig. Dann fällt ihr etwas ein, das sitzt.

Ich will das Streichholz sein, das andere Kerzen anzündet. Dann können die raus in die Welt und ihre eigenen tollen Sachen machen. Ich will nur die erste Flamme zum Leben bringen.

Sunita Sukhana

Die Frage vom Gast davor

Was würdest du deinem früheren Ich als Tipp geben, den nur du dir selbst geben kannst?

Mach dich mal locker.

Sunita Sukhana

Und genau deshalb funktioniert es nur von ihr selbst, sagt sie: Wenn ihr das jemand anderes sagt, erreicht es das Gegenteil.

Ihr Museum

Ihr Buch. Ein Bild ihres Kindes. Viele Fotos von Reisen, Feiern und Erlebnissen aus der Zeit, bevor die Meilensteine kamen. Gereist ist sie viel, weil ihre Mutter bei einer Fluggesellschaft arbeitet. Dazu ein paar Zitatbänder mit dem, was sie bisher erkannt hat, und vielleicht die eine oder andere Sprachmemo.

Und etwas, das ihr fast die Stimme nimmt: Nach ihrem Volontariat haben ihr die Autorinnen, mit denen sie gearbeitet hatte, Bücher mit Widmungen geschenkt, eine davon mit einem langen Brief darüber, wie sie sie begleitet hat.

Wenn in diesem Museum Menschen zu Wort kämen, die sagen, wie ich ihr Leben berührt habe, dann würde ich die ganze Zeit nur flennen.

Sunita Sukhana

Was sie ihrem jüngeren Ich fühlen lassen würde

Wie Liebe sich wirklich anfühlt. Vor ihrem Mann war sie immer auf der Suche, hat Menschen an der Uni regelrecht befragt, wie Liebe denn funktioniert.

Es gibt unendlich viele Songs und Bücher darüber, aber du musst es erleben. Dieses Erlebnis will ich mir gönnen, nicht spoilern.

Sunita Sukhana

Und der Sinn des Lebens

Ich weiß es nicht, ehrlich gesagt.

Sunita Sukhana

Was sie hat, ist ein Gefühl: dass sie auf einem Pfad ist und eine Rolle in einer Geschichte spielt, deren Aufgabe sie vielleicht am Ende erkennt. Bis dahin ist das Sinnvollste, darauf zu vertrauen, gerade in schlechten Zeiten, und immer wieder innezuhalten und zu prüfen, ob es sich noch nach ihrem Pfad anfühlt.

Sie fügt selbst hinzu, dass das vielleicht die Autorin in ihr ist, die Zusammenhänge liebt, die erst am Ende klar werden. Oder es ist etwas, das sie tatsächlich so fühlt und deshalb in ihren Büchern spiegelt.

Ihr Tipp zum Schluss

Sie hat zweimal etwas gemacht, das ich mir seitdem merke. Zu einer Hochzeit und zu einem Geburtstag hat sie das ganze Umfeld gefragt, was diesen Menschen ausmacht und warum sie froh sind, dass es ihn gibt. Daraus hat sie ein Buch binden lassen.

Die schönen Worte über einen Menschen fallen sonst erst auf der Beerdigung. Ihre Idee ist, sie zu sammeln, solange die Person sie noch lesen kann.


Über den Gast

Sunita Sukhana schreibt, berät Verlage und Autorinnen und setzt sich für Stimmen ein, die im Buchmarkt selten vorkommen.

Instagram: @sunita_sukhana
Website: sunitasukhana.de

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