Tanja Mächler kommt aus der Schweiz, war jahrelang in der Notfallpflege und ist heute mit dem Thema Hochsensibilität auf Bühnen unterwegs. Kennengelernt haben wir uns auf einem Event, bei dem ich eigentlich nur fotografieren wollte. Dann stand sie auf der Bühne, und ich habe bei jedem Satz genickt.
Ihre Kollegin nennt sie einen Tornado auf zwei Beinen. Das trifft es ziemlich gut. Was tiefer als Worte für sie bedeutet, kann sie nicht in Worte fassen, und genau das ist ihre Antwort: Tiefe ist ein Gefühl bis in die tiefste Zelle, eine Wahrheit, die man mit Worten nicht ausdrücken kann.
Der Satz, mit dem sie jahrzehntelang gelebt hat
Tanja sagt, sie hatte ihr Leben lang das Gefühl, anders zu sein. Mit mir stimmt etwas nicht. Diesen Satz hat sie sich über Jahre selbst im Spiegel gesagt, immer und immer wieder, bis sie ihn geglaubt hat.
Vor fünf Jahren war sie kurz davor, sich selbst in die Psychiatrie einzuweisen. Sie hat dann noch einmal die Kurve bekommen.
Wenn du etwas denkst, glaubst du es irgendwann. Und irgendwann wirst du zu dieser Person.
Tanja Mächler
Der regnerische Herbsttag
In ihre Hände gefallen ist ein Buch über Hochsensibilität. Beim ersten Blick fand sie den Titel furchtbar, hat die erste Seite gelesen und das Buch in die unterste Schublade gesteckt. Ein halbes Jahr später, als es ihr noch schlechter ging, hatte sie den Impuls, diese Schublade wieder aufzumachen.
Sie erinnert sich genau an den Tag. Regnerischer Herbst, überall Kerzen in der Wohnung, ein Tee, das beige Sofa. Dann hat sie angefangen zu lesen und ist in Tränen ausgebrochen. Nicht aus Trauer.
Ich musste 33 Jahre jung werden, damit ich mich das erste Mal in meinem Leben verstanden habe.
Tanja Mächler
Sie sagt, sie hatte das Gefühl, die Autorin schreibe über ihr Leben. Endlich gab es einen Begriff für ihr Wesen und eine Erklärung dafür, warum sie so ist, wie sie ist.
Warum sie dafür einen Shitstorm bekam
Vor vier Jahren hat Tanja den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und ist mit dem Thema an die Öffentlichkeit gegangen. Die erste Reaktion war Widerspruch. Du und hochsensibel, never ever.
Der Grund dafür liegt für sie in einem Missverständnis. Viele stellen sich unter hochsensibel das stille Mäuschen vor, den introvertierten Menschen in der Ecke. Tanja ist ein Power Mensch mit viel Energie und saugt trotzdem alles auf wie ein Schwamm.
Deshalb tritt sie bewusst in Orange auf. Für sie steht die Farbe für Lebensfreude und Leichtigkeit. Ein Moderator hat ihr einmal gesagt, sie sei die Erste, die das Thema mit einer anderen Energie auf die Bühne bringt.
Was sie triggert
Es gibt einen Punkt, an dem Tanja sehr deutlich wird: die Opferhaltung. Sie sagt, viele Menschen stecken in ihrem Drama fest und machen alles zu ihrem Schmerz.
Du hast immer zwei Möglichkeiten. Entweder gehst du in die Opferhaltung, oder du siehst die positiven Seiten und machst das Beste daraus.
Tanja Mächler
Am Anfang bekam sie vor allem Mitleid. Oh, du Arme, du nimmst so viel wahr. Sie sagt, es habe nicht mehr viel gefehlt und die Leute hätten ihr Beileid ausgedrückt. Dabei ist es für sie eine Stärke, sobald man lernt, sich abzugrenzen.
Auch in Unternehmen macht sie eine Sache klar. Es geht ihr nicht darum, hochsensible Menschen in Watte zu packen. Es geht ihr um Verständnis dafür, dass manche Menschen schneller reizüberflutet sind und vielleicht kurz eine Pause brauchen. Was daran schlimm sein soll, wenn diese Person danach produktiver ist, versteht sie nicht.
Was die meisten an ihr sehen
Herzlichkeit, Offenheit, Energie. Das nehmen Menschen bei ihr sofort wahr. Und Selbstbewusstsein, das sie inzwischen auch tatsächlich hat.
Was seltener gesehen wird: dass sie in manchen Momenten sehr verunsichert und sehr nachdenklich ist. Und dass sie eine ziemliche Diva sein kann, wozu sie offen steht.
Sie sagt, sie will manchmal auch nicht aus der Komfortzone, aus Angst zu scheitern oder sich zu blamieren. Solche Momente gibt es bei ihr weiterhin, und das wird auch so bleiben.
Gegen die Wand laufen
Tanja beschreibt sich als jemanden, der immer wieder gegen die Wand laufen muss, bis er es wirklich versteht. Inzwischen geht sie anders damit um.
Ich muss nicht mehr zehnmal gegen die Wand laufen. Noch drei, vier Mal, dann habe ich es verstanden. Irgendwann sind es zwei.
Tanja Mächler
Die Ölroller
Tanja kommt ursprünglich aus der Notfallpflege. Dort wurde schon mit ätherischen Ölen gearbeitet, für Patienten und fürs Personal. Sie erinnert sich an heiße Sommertage, an denen eine Kollegin ein großes Becken mit Wasser und Pfefferminzöl vorbereitet hat, mit Waschlappen für alle, die sich damit den Nacken kühlen konnten.
Viele Menschen sind überrascht, wenn sie das hört. In Kliniken wird seit Jahrzehnten mit ätherischen Ölen gearbeitet, es wird nur nicht groß an die Glocke gehängt.
Was sie am Notfall erschüttert hat, war etwas anderes. Menschen, die weinend oder aufgelöst ankamen, bekamen sehr schnell ein Beruhigungsmittel. Sie sagt, wenn eine Mutter gerade ihren Sohn verloren hat, ist ein Zusammenbruch das Normalste der Welt, und diese Gefühle gehören ausgelebt und nicht gedämpft.
Als sie den Notfall verlassen hat, war für sie klar, dass sie ein Werkzeug für den Alltag schaffen will. So sind die Ölroller entstanden, Stück für Stück, einer nach dem anderen. Inzwischen nutzen sie über tausend Menschen.
Wie das für sie wirkt, erklärt Tanja über den Geruchssinn. Duftmoleküle werden zu elektrischen Impulsen und erreichen das limbische System, in dem Emotionen gesteuert werden. Lavendel wirkt auf sie beruhigend, Zitrusdüfte wie wilde Orange geben ihr Energie. Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen: Ein Lavendelsäckchen liegt bei mir am Bett, und in unruhigen Nächten hilft es mir, zur Ruhe zu kommen.
Kinder dürfen, Erwachsene nicht
Tanja war als Kind impulsiv und ist es bis heute. Sie betont das Wort bewusst. Gehört hat sie damals oft den Satz: Geh ins Zimmer, bis du wieder normal bist. Daraus wurde irgendwann das Gefühl, nicht normal zu sein.
Darin liegt für sie ein Widerspruch, den sie deutlich benennt.
Kinder haben zwanzig, dreißig Gefühlsschwankungen am Tag, und das ist völlig normal. Dann werden wir getrimmt, wie wir zu sein haben. Und mit 35 holen sich alle einen Therapeuten, um wieder die Gefühle zu leben.
Tanja Mächler
Dasselbe gilt für Wahrnehmung. Sagt ein Kind, dass es eine Fee über die Wiese laufen sieht, findet man das schön. Sagt ein Erwachsener etwas Vergleichbares, wird es sofort für merkwürdig gehalten.
Vertrau deiner Wahrnehmung
Zwei Jahrzehnte lang hat Tanja gehört, sie interpretiere zu viel in Situationen hinein. Im Nachhinein, sagt sie, kam es meistens genauso, wie sie es vorher gespürt hatte.
Sie erzählt von ihrer Zeit in einer Führungsposition. Sie hat früh gesagt, eine bestimmte Person werde dem Team schaden. Die Antwort damals: zu wenig Erfahrung, zu viel Interpretation. Fünf Jahre später kam der Anruf, dass die Lage genau so eskaliert ist.
Was mir an dieser Stelle besonders gefallen hat: Tanja hat sich daran nicht aufgehängt und kein Ich habe es doch gesagt hinterhergeschoben, sondern Verständnis gezeigt. Genau das ist der Unterschied zwischen recht haben und Verbindung halten.
Wenn du wahrnimmst, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, dann vertraue auf deine Wahrnehmung und auf dein Gefühl.
Tanja Mächler
Die Tüte der alten Dame
Auf die Frage, was die Welt zu einem besseren Ort machen würde, antwortet Tanja klein und konkret. Milliarden Individuen, und jeder darf so sein, wie er ist. Und im Alltag: aufeinander achten, respektvoll miteinander umgehen, einem älteren Menschen mal die Tüte tragen.
Sie erzählt von einer Frau beim Einkaufen, die ihre Tüte kaum tragen konnte. Tanja hat gefragt, ob sie helfen darf, und im Blick der Frau sofort gesehen, dass die Angst hatte, bestohlen zu werden. Also hat sie genau das angesprochen und gesagt, sie wolle ihr einfach etwas Gutes tun. Dann durfte sie die Tüte zum Auto bringen.
Ich habe im Gespräch erzählt, dass ich eine ähnliche Situation im Urlaub erlebt und dabei nicht das richtige Gespür gehabt habe. Tanjas Punkt bleibt: Wenn du ohnehin zwischen den Zeilen liest, dann sprich die Dinge auch aus.
Reichtum ist der Abend
Woran sie merkt, dass sie sich reich fühlt, beantwortet Tanja in einem Satz.
Wenn ich am Abend zufrieden und beseelt ins Bett gehe und weiß, dass ich das Bestmögliche aus meinem Tag herausgeholt habe.
Tanja Mächler
Hexe mit Zauberstab
Bei der Superkraft muss sie nicht lange überlegen. Sie wäre eine Hexe mit Zauberstab, die alles verwandeln kann.
Weil diese Antwort so schnell kam, hat sie auch noch die zweite Frage bekommen: Welches Produkt sie im Schaufenster wäre. Ihre Wahl fiel auf eine dieser Figuren, die sich im Wind bewegen, weil sie für Leichtigkeit steht. Im Flow sein, nicht immer alles so ernst nehmen.
Was sie ihrem jüngeren Ich fühlen lassen würde
Ein Wort. Selbstliebe.
Und der Sinn des Lebens
Tanja nimmt für ihre Antwort das Bild aus dem Buch The Big Five for Life. Wenn sie am Ende durch ihr Museum läuft, soll alles bunt sein, voller Herzensmomente und Herzensmenschen. Momente, bei denen sie Gänsehaut bekommt und sich selbst feiert.
Ich habe mein Leben so gelebt, wie es sich für mich stimmig angefühlt hat, und ich habe die Welt ein Stück besser gemacht.
Tanja Mächler
Über den Gast
Tanja Mächler ist Speakerin und Coach zum Thema Hochsensibilität. Ihre Ölroller und alles Weitere gibt es in ihrem Shop.
Instagram: @tanja_maechler_hochsensibel
Shop: tanjamaechler.com
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