Es gibt in fast jeder Band einen, der weniger redet. Bei Dreibettzimmer ist das Alex, der Gitarrist. Er hört das Feedback selbst regelmäßig, und er widerspricht auch nicht.
Was man von ihm nicht erwarten würde: Vor einem Auftritt hat er kein Lampenfieber. Aufgeregt ist er an einer ganz anderen Stelle.
Diese Folge dreht sich um das, was hinter der Ruhe liegt. Um einen Satz, den eine Chefin zu ihm gesagt hat und der zuerst hart klang. Und um die Frage, was eigentlich das Gegenteil von Liebe ist, wenn es nicht Hass sein soll.
Vom Musikverein zur E-Gitarre
Zur Musik kam er über seine Eltern, die ihn im Musikverein für ein Instrument begeistern wollten. Eigentlich wollte er Schlagzeug spielen, das war der große Traum. In einer Mietwohnung ging das nicht, und brauchbare E-Drums gab es damals noch nicht. Also wurde es die Trompete.
Die Konstellation im Verein fand er cool. Statt der typischen Stücke spielten sie auch Popsachen aus dem Jugendorchester. Trotzdem fehlte ihm die Richtung, in die er eigentlich wollte.
Dann hörte er auf und machte eine Weile gar keine Musik mehr. Bis zu einem Abend bei einem Freund beim Grillen. Dort lief Musik mit Bläsern, rockig, und zum ersten Mal hörte er die Trompete in einem Zusammenhang, der ihm lag. Kein Jazz, wo für sein Empfinden sofort eine Messlatte hängt, und nichts aus der Musikvereinsecke.
Am selben Abend lag auch eine Gitarre am Lagerfeuer. Der eigentliche Wendepunkt kam beim nächsten Besuch: Der Freund hatte sich vom Nachbarn eine E-Gitarre samt Verstärker ausgeliehen.
Das war halt dann so der springende Punkt.
Alex
Die beiden nahmen zusammen Gitarrenunterricht, und danach ging es bei ihm, wie er selbst sagt, ein bisschen aus dem Ruder. Anderes blieb liegen, die Schule zum Beispiel.
Mit drei oder vier Akkorden fragte er in der Schule seinen Nebensitzer, der Schlagzeug spielte, ob sie nicht eine Band machen wollen. Der war verhalten. Es wurde trotzdem eine. Diese Band gibt es, in wechselnden Besetzungen, bis heute, fast zwanzig Jahre später.
Der Anruf für fünf Auftritte
Andi lernte er über seinen damaligen Arbeitgeber kennen. Alex suchte einen Proberaum, Andi vermittelte ihm genau den, in dem heute Dreibettzimmer probt. Zusammen Musik gemacht haben die beiden damals nicht, es blieb bei einer Freundschaft über die Arbeit.
Irgendwann kam der Anruf. Die Band hatte sich von ihrem Gitarristen getrennt, fünf Auftritte standen an, ob er einspringen könne.
Ich bin da immer sehr offen dafür, Dinge neu auszuprobieren, weil ich es einfach spannend finde, sich mal aus der Komfortzone rauszubewegen.
Alex
Es funktionierte so gut, dass aus den fünf Auftritten ein fester Platz wurde. Seit etwa anderthalb Jahren gehört er dazu.
Was er an der Konstellation mag, ist, dass die Band über mehrere Generationen verteilt ist. Sonst finden sich meist Gleichaltrige zusammen. Hier greifen die Unterschiede ineinander.
Diese Zahnräder, die irgendwie ineinander greifen, weil wir halt doch alle so unterschiedliche Personen sind, aber alle zusammenkommen.
Alex
Was tiefer als Worte für ihn bedeutet
Auf die Frage, die jeder Gast bekommt, antwortet er mit einem Bild.
Worte sind ja eigentlich immer etwas Ausgesprochenes. Und das Tiefer ist für mich immer so eine Bedeutung hinter einer Momentaufnahme.
Alex
Worte können mehrere Bedeutungen haben, sagt er. Deshalb gehe es vor allem ums Zuhören. Hineinzuhören, was der andere eigentlich sagen will.
Wie bei ihm ein Songtext entsteht
Alex schreibt auch Texte. Einer davon klingt beim ersten Hören nach einem leichten Sommerlied über einen Urlaub am See. Beim zweiten Hören ist es eine Beziehungskrise.
Es ist alles schön, aber es ist doch nicht ganz so.
Alex
Genau dieses Bittersüße sucht er beim Schreiben. Gegensätze, die im selben Text nebeneinander stehen.
Angefangen hat er ohne Melodie, eher wie bei einem Gedicht, mit Blick auf Reimschema und Aufbau. Inzwischen hat er beim Schreiben öfter schon eine Melodie im Kopf und merkt, dass manche Melodien besser auf ein kurzes Wort passen als auf ein langes.
Beim Austausch in der Band erlebt er regelmäßig, dass eine Zeile schön klingt und trotzdem rausfliegt, weil die einfachere daneben verstanden wird. Was reinkommt und was draußen bleibt, ist jedes Mal eine Abwägung.
Wer er ist, wenn niemand zuschaut
Er sitzt gern in seinem Musikzimmer, schaut aus dem Fenster, Gitarre in der Hand, und lässt sich treiben.
Und manchmal dreht er dort auf.
Weil man das Laute auch manchmal braucht.
Alex
Gefragt, ob man am Lagerfeuer den ruhigen oder den extrovertierten Alex kennenlernen würde, kommt eine klare Antwort: die ersten zehn Minuten den ruhigen, danach den anderen.
Der Satz seiner Chefin
Nach dem wertvollsten Satz seines Lebens gefragt, erzählt er von einer früheren Chefin, die große Stücke auf ihn hielt.
Hören Sie auf, sich selber im Weg zu stehen.
Alex
Im ersten Moment klingt das hart, sagt er, und es war auch nicht der komplette Wortlaut. Es war ein längeres, konstruktives Gespräch, bei einer Vorgesetzten, die man wöchentlich sah und die vorher schon zu ihm gestanden hatte. Kein Satz, der aus dem Nichts hingeknallt wurde.
Wachgerüttelt hat er ihn trotzdem. Alex sagt, er war früher noch stiller und hat oft überlegt, ob er zu einer Sache überhaupt etwas sagen darf.
Ich bin ja auch jemand, der eine Meinung hat, und die sage ich jetzt halt auch mal.
Alex
Im Arbeitsleben hat ihm das geholfen, auf Menschen zuzugehen. Rückblickend sagt er, dass er sich damals wirklich selbst blockiert hat.
Kein Lampenfieber, aber Aufregung an anderer Stelle
Das größte Geschenk, das er sich selbst gemacht hat, ist seine Offenheit für Neues. Erarbeitet, nicht mitgebracht, und die Musik hat dabei geholfen.
Dazu gehört etwas, das man bei einem stillen Menschen nicht vermutet. Vor Auftritten hat er kein Lampenfieber. Respekt ja, und den Anspruch, es gut zu machen, aber was er spürt, ist Vorfreude.
Ich kann es kaum erwarten, dann auf die Bühne zu kommen.
Alex
Dass der Körper trotzdem etwas anderes meldet, merkt er manchmal erst hinterher, wenn er aus dem Auto steigt und gemerkt hat, dass er geschwitzt hat.
Aufregung hat er an einer anderen Stelle: wenn er nach dem Konzert von der Bühne kommt und neue Leute vor ihm stehen.
Wo führt dieser Smalltalk jetzt hin?
Alex
Auf der Bühne gibt es eine Rolle und einen Rahmen. Danach nicht mehr.
Was Reichtum für ihn bedeutet
Das Wort versteht er nicht finanziell.
Einfach glücklich im Leben zu sein, seine Hobbys ausleben zu können, seine Arbeit gut zu machen und mit sich zufrieden zu sein.
Alex
Dazu passt seine Antwort auf die Frage des letzten Gastes, ob er auf dem Sterbebett etwas bedauern würde. Bedauern findet er zu schwer für das, was er meint. Situationen, die man anders hätte machen können, gibt es bei jedem. Ein offenes Ziel, das ihm fehlt, hat er nicht.
Ich bin aktuell echt zufrieden mit dem, was ich habe.
Alex
Etwas, das er lernen musste, hängt damit zusammen. Er gibt gern hundertzwanzig Prozent. Diesen Anspruch auf andere zu übertragen hat er sich abgewöhnt, weil es weder gerecht noch gesund wäre. Jeder ist anders zufrieden.
Das Gegenteil von Liebe
Wenn es nicht Hass ist, was dann? Die Frage bleibt erst einmal im Raum stehen. Hass, findet er, ist zu sehr ein Endpunkt. Sein erster Gedanke ist eine abgeschwächte Form von Liebe.
Dann kommt er aus einer anderen Richtung.
Ich kann den anderen nicht lieben, aber ich kann ihn akzeptieren.
Alex
Mehr Dialog statt Schwarz und Weiß
Was die Welt für ihn besser machen würde, hängt mit dem Thema der ganzen Folge zusammen: mit Worten und mit Zuhören.
Er erlebt gerade viel Schwarz-Weiß-Denken und wenig Bereitschaft, andere Meinungen überhaupt stehen zu lassen. Politisch ist das für ihn das akute Thema, aber er sieht es überall durchziehen. In der Coronazeit hat er auf der Arbeit erlebt, wie sich zwei Lager bildeten.
Dem stellt er etwas gegenüber, das er von der Bühne aus sieht.
Leute treffen sich an einem Punkt, um Musik zu hören.
Alex
Egal, wo jemand herkommt oder was er macht. Genau das findet er an Musik bemerkenswert. Und es passt zu ihm, denn in eine Schublade hat er sich nie gesetzt. Er war in der Hip-Hop-Ecke unterwegs, hat Rock und Punk gehört, und er nimmt bis heute jede Empfehlung an.
Selbst wenn du nichts mitnimmst, nimmst du ja trotzdem was mit.
Alex
Eine Gitarre im Schaufenster
Zum Schluss die Frage, welches Produkt er im Schaufenster wäre. Die Antwort überrascht niemanden, die Begründung schon.
Eine Gitarre. Nicht, weil er seit über zwanzig Jahren spielt, sondern weil ihn bis heute erstaunt, wie viele verschiedene Arten davon es gibt. Das Facettenreiche ist der Punkt.
Und was er seinem jüngeren Ich nicht erklären, sondern fühlen lassen würde, hängt genau daran.
In der Unsicherheit, die ich vielleicht hatte, oder in dieser Stillheit trotzdem völlig akzeptiert zu sein.
Alex
Die Frage, wer man eigentlich ist, hält er für eine Lebensaufgabe. In verschiedenen Phasen ist man verschieden, sagt er, das verschiebt sich.
Deshalb bleibt auch die letzte Frage dieser Folge offen. Was der Sinn des Lebens ist, kann er heute nicht beantworten, und das stört ihn nicht.
Über den Gast
Alex ist Gitarrist bei der Band Dreibettzimmer und seit etwa anderthalb Jahren festes Mitglied. Daneben ist er in weiteren Bands und Projekten unterwegs, schreibt Songtexte und spielt seit über zwanzig Jahren Gitarre. Schreiben darf man ihm, er beantwortet es nach eigener Aussage auch.
Instagram: @alex_raw_guitar
Website der Band: dreibettzimmer.band
Die Folge anhören
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