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Tiefer als Worte

Hinweis: In dieser Folge spricht Daniel über den Suizid seines Vaters und über Drogen. Wenn dich das belastet, hol dir Unterstützung.

Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222, im Netz unter telefonseelsorge.de.

Daniel Burghart ist 44 und seit 18 Jahren Lehrer, mit Referendariat sind es 20. Er unterrichtet Deutsch, Ethik und Geschichte. Nebenbei macht er Social Media für die Kinder und Jugendlichen, die in der Schule hinten runterfallen. Warum, sagt er in einem Satz: weil er selbst eines dieser Kinder war.

Ich war einer von denen. In beide Richtungen.

Daniel Burghart

Was „Tiefer als Worte“ für ihn bedeutet

Für Daniel liegt das Tiefere im Körper, nicht in der Sprache. Gestik, Mimik, ein Lächeln, Tränen. Dafür braucht niemand Worte. Sprache hat für ihn trotz unzähliger Möglichkeiten ein Problem: man findet so oft nicht die richtigen.

Eine Schulzeit, die er gehasst hat

Bis zum Abitur war Schule für ihn entweder gleichgültig oder einfach schlimm. Hängen geblieben sind nicht Fächer und nicht Noten, sondern einzelne Lehrkräfte, die mehr in ihm gesehen haben als das, was in der Akte stand, und die für ihn Partei ergriffen haben. Bei denen hat er sich inzwischen bedankt.

Nach der Schule Zivildienst beim Jugendamt und beim Spielmobil. Er sagt offen, dass er sich bei gleicher Bezahlung eher als Streetworker sähe als im Klassenzimmer. Und über die Institution, in der er arbeitet, sagt er einen Satz, der sitzt.

Ich arbeite in einem defizitären System.

Daniel Burghart

Was ihn geprägt hat

Daniels Vater war heroinabhängig und nahm sich das Leben, als Daniel elf war. In seiner Jugend hat er selbst, wie er es nennt, einen Haufen Drogen konsumiert. Er sagt, es wäre leicht gewesen, in diese Fußstapfen zu treten. Dass es anders kam, schreibt er nicht sich allein zu, sondern stabilen Menschen um sich herum, einer fürsorglichen Mutter und seinen eigenen Schutzmechanismen. Er war ein ängstliches Kind, und genau das hat ihn gebremst.

Was geblieben ist, ist eine Unsicherheit, die ihn bis heute begleitet: das Gefühl, nicht genug zu sein. Seine erste Ehe ist zerbrochen. Bei seiner jetzigen Frau hat er zum ersten Mal das Gefühl, nichts darstellen zu müssen. Er ist zum zweiten Mal verheiratet und hat zwei Kinder.

„Du bist gut so, wie du bist“

Der wertvollste Satz, den er kennt. Fünf Worte, die er selbst lange gebraucht hat, um sie zu glauben, und die er heute weitergibt.

Du bist gut so, wie du bist.

Daniel Burghart

Wenn einem Lehrer der Kragen platzt

Ein Schüler kam mit schlechtem Ruf in seine Klasse. Daniels Antwort darauf: kennen Sie mich? Nein. Also fangen wir bei null an. Später hat derselbe Schüler ihm etwas im Klassenzimmer kaputt gemacht und ihn dann belogen. Daniel ist der Kragen geplatzt, er hat ihn vor der ganzen Klasse zur Rede gestellt, laut und wütend.

Am nächsten Tag hat er sich entschuldigt. Nicht für die Kritik, die blieb stehen. Für die Form.

Ich finde dein Verhalten nicht in Ordnung, dabei bleibt es. Aber das tut mir leid, das darf ich nicht.

Daniel Burghart

Mehr erzählt er dazu nicht, aus Datenschutzgründen, wie er selbst sagt. Dass er sich hinstellt und das vor der Klasse ausspricht, ist die eigentliche Geschichte.

Reichtum heißt Zeit

Daniel kommt aus ärmlichen Verhältnissen. Trotzdem ist Geld für ihn nicht die Antwort auf die Frage nach Reichtum. Seine Antwort ist Zeit. Dahinter steht ein Bild, das sich ihm Anfang zwanzig eingebrannt hat: sein Großvater, ein sonst knallharter Mann, der in den letzten Wochen seines Lebens nur noch geweint hat. Er starb 2002 mit 79.

KI in der Schule

Bücher wurden verteufelt, Dampfmaschinen wurden verteufelt, PCs wurden verteufelt. Daniel ordnet die Aufregung um KI genau dort ein. Für ihn stecken wir in einer Umwälzung, die so groß ist wie die industrielle Revolution, und deshalb seien Medienkompetenz und digitale Bildung wichtiger als je zuvor. KI ist für ihn ein Werkzeug, kein Ersatz fürs eigene Denken.

Wie er selbst damit arbeitet, erzählt er konkret: Er lässt sich zu einem Text zwei Runden Feedback geben, bevor er ihn selbst liest. Und wenn es schief geht, hat er dafür ein Bild aus dem Deutschunterricht. Goethes Zauberlehrling.

Das größte Geschenk und eine Begegnung, von der niemand wusste

Als größtes Geschenk seines Lebens bezeichnet er die Scheidung von seiner ersten Frau. Überlebenswichtig, sagt er. Danach hat er hart aussortiert, bei Dingen und bei Menschen.

Alex, der Gast der letzten Folge, hat ihm eine Frage hinterlassen: Welche Begegnung hat dich verändert, ohne dass die Person davon erfahren hat? Daniels Antwort ist ein Lehrer aus seinem allerersten Praktikum, der sechs Jahre später sein Kollege wurde. Inzwischen weiß der Mann es, weil Daniel es ihm gesagt hat.

Wir geben das Positive viel zu selten weiter.

Daniel Burghart

Was bleibt

Den Sinn des Lebens sieht er darin, sich selbst glücklich zu machen und anderen etwas mitzugeben. Und darin, nicht einsam zu sterben. Wenn er darüber spricht, kommt er auf „7 Years“ von Lukas Graham, ein Lied, das ein ganzes Leben in wenigen Minuten durchläuft, von der Kindheit bis ins Alter. Genau die Frage, wer am Ende noch da ist, steckt für ihn darin. Seine Bucketlist ist abgearbeitet, Opa werden fehlt noch, er fühlt sich im Bonuslevel. Ein Tandemsprung mit dem Fallschirm war ein Geschenk seiner Frau. Jeden Abend betet er mit ihr und sagt Danke.

Und wenn er nur noch einen Satz hätte, dann diesen.

Seid lieb zueinander.

Daniel Burghart

Über den Gast

Daniel Burghart ist 44 und seit 18 Jahren Lehrer, er unterrichtet Deutsch, Ethik und Geschichte. Daneben ist er auf Social Media unterwegs, mit Inhalten für genau die Kinder und Jugendlichen, die im Schulsystem hinten runterfallen.

Instagram: @dan.mal.los
Alle Links: linktr.ee/daniel.burghart

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