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Tiefer als Worte

Sabine Steck ist Autorin, Lektorin, Korrektorin und Schreibcoach. Wer das hört, denkt leicht, das seien vier Dinge. Für sie ist es eines.

Der Kern sind Bücher, und darum dreht sich bei mir eigentlich und auch uneigentlich alles.

Sabine Steck

Diese Folge dreht sich um Worte, und zwar um das, was unter ihnen liegt. Um einen Satz, der sie 2019 am Bügelbrett getroffen hat. Und um etwas, das sie selbst ihre große Schande nennt.

Worte sind nur die Oberfläche

Auf die Frage, was „Tiefer als Worte“ für sie bedeutet, antwortet sie mit einem Bild: Worte sind eine Oberfläche. Sie transportieren Informationen, oft auch Gefühle, bei guten Büchern sogar sehr tiefe. Aber sie erreichen nicht immer das, was wirklich hinter ihnen steckt.

Also nimmt sie Wörter auseinander. Vor Jahren hat sie daraus sogar einen Adventskalender auf Facebook gemacht. Seitdem sagt sie kaum noch „wunderbar“, weil das auch bar aller Wunder heißen kann. Lieber wundervoll oder wunderschön.

Oder enttäuscht. Wer enttäuscht ist, ist eine Täuschung losgeworden. Eigentlich etwas Gutes.

Oder sich beschweren.

Ich mache mich selber schwer, wenn ich mich beschwere. Das wirkt sich auf niemand anderen negativ aus als auf mich selbst.

Sabine Steck

Und dann das Wort, das dieser Folge den Titel gibt. Fehler und Helfer bestehen aus exakt denselben Buchstaben.

Fehler sind Helfer, man muss nur die Buchstaben ein bisschen verdrehen.

Sabine Steck

Vom Fanfiction-Heft zum ersten eigenen Roman

Auf die Frage, wie sie zum Schreiben kam, dreht sie die Richtung um: das Schreiben kam zu ihr. Mit zwölf fing es an, mit Geschichten, in die sie sich selbst hineingeschrieben hat. Heute weiß sie, dass das Fanfiction war, damals hatte das noch keinen Namen.

Dann kam der Alltag und das Schreiben hörte auf. Vor etwa zwanzig Jahren hat sie wieder angefangen und ihren ersten vollständigen Liebesroman geschrieben. Ein paar Seiten ausgedruckt, an große Verlage geschickt, nur Absagen bekommen.

2012 hat sie den Roman dann selbst über Amazon veröffentlicht. Von den ersten Euros hat sie sich eine Uhr gekauft. Ein Jahr später kam der zweite, mit einem selbst gebastelten Cover, das sie heute grottenschlecht nennt, und landete ohne Werbung und ohne Namen in den Top 50. Dass der Titel das Wort Millionen enthielt, war reiner Zufall, sagt sie, und genau das war damals das Thema, das in den Charts lief.

Inzwischen sind es etwa vierzig bis fünfundvierzig Bücher, manche davon gemeinsam mit anderen unter gemeinsamen Pseudonymen.

Die Wand mit Ende fünfzig

Vor ein paar Jahren stand sie vor einer Wand. Sie war Ende fünfzig und fragte sich, wie sie noch glaubwürdig Liebesromane schreiben soll, in denen die Heldinnen Anfang dreißig sind.

Sie hat es gespürt, bevor sie es wusste: es begeistert mich nicht mehr. Also hat sie sich umorientiert, eine Agentur gefunden, mit der zusammen eine Idee entwickelt, die Agentur hat sie auf der Buchmesse bei Verlagen vorgestellt, und sie hat einen Vertrag bekommen.

Was alle sehen, und was nicht

Was Menschen an ihr sehen: dass sie groß ist, knapp eins achtundsiebzig, dass sie reden kann und lustig sein kann. Was kaum jemand sieht: dass sie im Grunde schüchtern ist. In Gruppen steht sie erst einmal in der zweiten oder dritten Reihe und schaut sich um.

Das hat ihr schon den Ruf eingebracht, arrogant zu sein. Heute ist sie mit diesem Urteil selbst vorsichtig geworden.

Wer wirklich arrogant ist, geht halt nicht hin. Häufig freuen sich zurückhaltende Menschen einfach, wenn du sie ansprichst und ins Gespräch ziehst.

Sabine Steck

Als Jugendliche war die Größe eine Last. In der Dorfkirche standen die Frauen links und nach Alter sortiert, und sie stand als einzige Lange zwischen lauter Kleinen, die ihr bis zur Schulter gingen. Das war ihr peinlich. Heute, in Italien, schaut sie meistens hinunter und es macht ihr nichts mehr aus.

„Nur was sein darf, kann gehen“

Der wertvollste Satz, den sie kennt, kam 2019 im Sommer. Sie stand am Bügelbrett und hörte nebenbei einer Coachin zu, die auf Facebook live war. Der Satz hat sie mit voller Breitseite getroffen.

Nur was sein darf, kann gehen.

Sabine Steck

Warum er so saß, sagt sie offen. Sie war neidisch. Auf Kolleginnen, die mehr Bücher verkauft haben, die besser platziert waren. Und sie hat diesen Neid immer in die Ecke geschoben: darf nicht sein, schlechte Eigenschaft, nicht hinschauen, dann ist sie auch nicht da.

Nur wurde sie ihn so nie los. Sie vergleicht es mit Staub und Katzenhaaren, die man immer nur in die Ecke kehrt. Weg sind sie erst, wenn man hinschaut, den Besen nimmt und sie hinausträgt.

Was daraus geworden ist, ist der Beruf, den sie heute hat. Sie begleitet Frauen zu ihrem eigenen Buch.

Wäre ich immer noch neidisch, dann würde ich ja eher versuchen, die davon abzuhalten. Jeder Mensch hat das Recht, sein Buch zu schreiben.

Sabine Steck

Einmal mit Höhenangst über die Talsperre

Auf die Frage, wann sie zuletzt etwas zum ersten Mal gemacht hat, kommt eine Geschichte, die man ihr nicht zutraut. Sie hat Höhenangst. Trotzdem hat sie sich vor knapp drei Jahren im Harz in Gurte schnallen, in ein Drahtseil einhängen und über eine Talsperre schicken lassen, ungefähr einen Kilometer weit. Oben hätte sie beinahe kehrtgemacht. Sie hat es dann doch getan. Zurück ging es zu Fuß, eine halbe Stunde bergauf.

Dieses Jahr war das erste Mal kleiner: sie hat zum ersten Mal ihren Hund mit nach Verona genommen. Plötzlich ist da ein Lebewesen, für das man mitdenken muss, und morgens bleibt man nicht liegen.

Dahinter steht ein Gedanke aus ihrer Coach-Ausbildung, den sie dem Verhaltenstherapeuten Jens Corssen zuschreibt: immer wieder einmal etwas zum ersten Mal machen, oder einfach anders als sonst. Das schafft neue Verbindungen im Kopf.

Was Reichtum für sie heute ist

Als Luxus bezeichnet sie etwas sehr Ruhiges: ein, zwei, drei Stunden irgendwo sitzen und lesen können, ohne schlechtes Gewissen und ohne dass jemand im Nacken sitzt.

Bei der Frage nach Reichtum hätte sie früher spontan Geld gesagt. Aus dieser Antwort sei sie herausgewachsen. Nach Brustkrebs, nach einer Herzablation, nach einer Schwester und einer Mutter, die beide sehr jung gestorben sind, lautet sie heute anders.

Reichtum ist gesund zu sein und jeden Tag aufzuwachen und zu wissen, ich habe wieder einen Tag geschenkt bekommen.

Sabine Steck

Sie setzt dazu, dass das leicht gesagt ist, wenn die Grundbedürfnisse gedeckt sind. Und dann wird es ganz konkret: der blaue Himmel über ihr, und dass ihre Katzen und ihr Hund gesund sind.

Was die Welt besser machen würde

Hier wird sie vorsichtig, weil sie zu dieser Ansicht schon Gegenwind bekommen hat. Sie glaubt, die Welt wäre ein besserer Ort, wenn mehr Frauen an wichtigen Positionen etwas zu sagen hätten. Begründen könne sie das nicht wirklich, sagt sie selbst, und Frauen könnten genauso grausam und despotisch sein. Aber durch das Ungleichgewicht der letzten Jahrhunderte sei viel Gutes verloren gegangen.

Was sie ihrem dreizehnjährigen Ich sagen würde

Die Frage des Vorgasts beantwortet sie ohne Nachdenken.

Lass dich von niemandem in deinem Leben von deinen Träumen abbringen.

Sabine Steck

Auf die Rückfrage, ob es bei ihr anders war, kommt ein klares Ja. Sie hat sich abbringen lassen. Heute ist sie wieder auf der Spur, auf der sie sein will, und sagt dazu nur: da hätte ich mir viel sparen können.

Ein Buch, ein Museum und eine Landkarte

Wenn sie ein einziges Produkt ins Schaufenster der Welt stellen dürfte, wäre es ein Buch. Kaufen sollen es Frauen, die an einem Punkt stehen, an dem sie nicht wissen, wie es weitergehen soll. Nichts Dramatisches. Einfach nur die Frage: war das jetzt schon alles?

Und wenn ihr Leben ein Museum wäre, stünden dort die vielen Tiere, die sie begleitet haben und nicht mehr da sind. Sehr viele Bücher. Häuser. Füller und Notizbücher, für die sie ein Faible hat. Tassen, die sie überall sammelt. Und eine Landkarte von Italien mit blauen Stecknadeln an allen Orten, an denen sie schon war.

Dass sie Füller und Papier liebt, ist kein Zufall. Ihre Coachies lässt sie mit der Hand schreiben, weil man anders schreibt und es ein ganz anderes Erleben ist.

Was bleibt

Der Sinn des Lebens besteht für sie darin, andere Menschen zu unterstützen. Deshalb ist sie so erpicht auf Kooperation statt Konkurrenz. Früher war sie anders, sagt sie, früher wollte sie einfach nur selbst weiterkommen.

Wenn es einem Menschen nach der Begegnung mit mir besser geht, als es ihm vorher gegangen ist, dann habe ich was Sinnstiftendes gemacht.

Sabine Steck

Über den Gast

Sabine Steck ist Autorin, Lektorin, Korrektorin und Schreibcoach. Sie hat rund vierzig Bücher veröffentlicht, lange Liebesromane, inzwischen auch drei Bücher unter ihrem Klarnamen. Als Coach begleitet sie vor allem Frauen auf dem Weg zum eigenen Buch. Geboren ist sie in Regensburg, heute lebt sie in Italien.

LinkedIn: Sabine Steck
Website: romanufaktur.net

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